Markus Heitz – Der Krieg der Zwerge

Cover des Buches "Der Krieg der Zwerge" von Markus Heitz

Reihe: Die Zwerge #2

Autor_in: Markus Heitz

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 585 Seiten

Verlag: Heyne

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3492700934

Genre: Fantasy > High Fantasy

Ausgelesen: 06.03.2020

Bewertung: ★★★☆☆

Der überwältigende Erfolg der Buchreihe „Die Zwerge“ von Markus Heitz führte dazu, dass die Geschichte des Zwerges Tungdil in andere Medien übertragen wurde. Darunter finden sich ein Brettspiel, eine Comic-Reihe und ein Videospiel, das von der Bremer Firma King Art 2016 realisiert und zum Teil über eine Kickstarter-Kampagne finanziert wurde.

Das Rollenspiel folgt der Handlung des ersten Bandes „Die Zwerge“. Heitz war intensiv in die Entwicklung involviert und berichtet, dass die Zusammenarbeit mit King Art erschreckend reibungslos ablief. Er schrieb sogar extra für das Spiel eine neue Begleitfigur, die im Buch nicht auftaucht. Dennoch blieb es bei diesem einen Spiel. Der zweite Band „Der Krieg der Zwerge“ wurde bisher nicht umgesetzt – aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Das Geborgene Land feiert. Der böse Magier Nôd’onn ist besiegt und erstmals herrscht Einigkeit unter Menschen, Zwergen und Elben. Tungdil hofft, endlich ein richtiger Zwerg zu werden. Leider fällt es ihm schwer, sich den strengen Gesetzen der traditionsbewussten Stämme unterzuordnen. Er fürchtet schon, sich niemals unter seinesgleichen einzufügen, doch dann erfährt er von den Freien. Die Gemeinschaft verstoßener Zwerge folgt eigenen Regeln und begrüßt ihn mit offenen Armen. Er schließt sich ihnen an und verlässt seine Freunde, um ein neues Leben zu beginnen. Aber Tungdil wäre nicht Tungdil, stünde er nicht sofort bereit, wird er gebraucht.

Denn der Frieden im Geborgenen Land hält nicht an. Orks, Albae und der Zwergenstamm der Dritten säen Angst, Misstrauen und Zwist. Abgelenkt von Scharmützeln und Intrigen entgeht Tungdil und seinen Verbündeten beinahe eine mysteriöse Gefahr, die sich unaufhaltsam von Westen nähert und das gesamte Geborgene Land zerstören könnte. Wollen sie ihre Heimat schützen, bleibt ihnen nur eine Wahl: sie müssen alte Feindschaften überwinden und sich mit denjenigen verbrüdern, gegen die sie seit Generationen kämpfen.

Ich fürchte, ich bin zu zynisch für „Der Krieg der Zwerge“. Wie schon der erste Band ist diese Fortsetzung sehr klassische, gradlinige High Fantasy und kommt beinahe vollständig ohne versteckte Handlungslinien und komplexe Intrigengeflechte aus. Nicht, weil sich keine Gelegenheiten für Niedertracht und Heimtücke ergeben würden, sondern weil man sowas im Geborgenen Land offenbar einfach nicht tut. Es war, als fehlte (fast) allen Figuren Vorstellungskraft und Wille, um zu lügen, zu betrügen und zu manipulieren.

Daher begleitet die Geschichte eine Note von unschuldiger, ehrlicher Naivität, mit der ich hin und wieder ernste Schwierigkeiten hatte, weil ich sehr wohl über die nötige Fantasie verfüge, mir subtile, hinterhältige Schemata auszumalen. Hinter jeder Ecke witterte ich Verrat und erwartete, dass die Figuren für das blinde Vertrauen, das sie ihren Gegenspieler_innen gegenüber zeigen, bestraft werden, worauf Markus Heitz allerdings verzichtet. Gut für sie, irritierend für mich. Ich konnte kaum fassen, dass die vielen Chancen, die bestimmte Charaktere in vorteilhafte Positionen gebracht hätten, hätten sie sich weniger ehrenhaft verhalten, ungenutzt verstrichen.

Meiner Meinung nach hängt diese generelle, optimistische Gutmütigkeit in „Der Krieg der Zwerge“ eng mit der Art und Weise zusammen, wie Markus Heitz die Konflikte der Geschichte inszeniert. Er reiht sie auf wie die Perlen einer Kette: Sie berühren einander, verwickeln sich jedoch nie. Dadurch wirkte die Handlung unnatürlich geordnet; er schließt jeden Konflikt erst einmal hübsch sauber ab, bevor er den nächsten aus dem Ärmel zieht. Die Übergänge erschienen mir nicht fließend, sondern künstlich und einen echten Abschluss erhält lediglich die Auseinandersetzung mit dem rätselhaften Feind, der das Geborgene Land von außen bedroht.

Ich fand es schade, dass Heitz diese sogenannten Avatare nicht einsetzt, um das Worldbuilding außerhalb seines Settings zu erforschen, habe aber bemerkt, dass den Figuren im zweiten Band der Reihe zumindest auffällt, wie wenig sie darüber wissen, was sich hinter den schützenden Bergen ihrer Heimat befindet. Ich kann mir vorstellen, dass diese Überlegung eine Vorbereitung für die Folgebände ist und wir den Inselstatus des Geborgenen Landes durchbrechen, falls es Heitz gelingt, eine Motivation für die Figuren zu formulieren, die sie über dessen Grenzen hinausführt. Ich traue ihm zu, diese Herausforderung zu meistern, weil mir die Charakterentwicklung in „Der Krieg der Zwerge“ gut gefiel.

Tungdil steht selbstverständlich im Fokus; aus seiner Perspektive erleben wir eine Variante des Widerstreits zwischen Gesellschaft und Individuum und erfahren interessante Details über die Kultur der Zwerge. Ich freute mich, dass Heitz Tungdils Volk nun doch eine eigene Note verleiht und ihre Gesellschaftsordnung untersucht, denn im ersten Band vermisste ich Neugier und Originalität schmerzlich. Seine Darstellung enthält noch immer eine Menge Klischees, aber ich hatte durchaus das Gefühl, etwas Neues zu lernen.

Die Fortsetzung „Der Krieg der Zwerge“ gefiel mir etwas besser als der erste Band „Die Zwerge“. Die Geschichte war für meinen Geschmack zwar zu glatt, naiv und einseitig, da die klare, unangefochtene Rollenverteilung meiner Vorliebe für Ambivalenz widerspricht und trotz gewisser Verschiebungen immer eindeutig ist, wer die Guten und wer die Bösen sind, doch die Verfeinerung des kulturellen Worldbuildings und die Weiterentwicklung der Figuren sind Verbesserungen, die „Die Zwerge“ meiner Ansicht nach dringend brauchte.

Vermutlich wird mir die Reihe immer etwas simplifiziert erscheinen, weil ich nicht daran gewöhnt bin, dass Charaktere ihre Absichten so offen zur Schau tragen, auf Hinterlist und Tücke verzichten und sich Handlungen eher unkompliziert gestalten. Markus Heitz‘ High Fantasy spiegelt die Mentalität seiner kleinen Held_innen wider: Solide, altmodisch und etwas grob, aber dennoch liebenswert.

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