Cover des Buches "The Firm" von John Grisham

Titel: „The Firm“

Autor_in: John Grisham

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 501 Seiten

Verlag: Dell Publishing

Sprache: Englisch

ISBN-10: 044021145X

Genre: Thriller

Ausgelesen: 03.10.2020

Bewertung: ★★★☆☆

Mein erster Kontakt mit dem Bestsellerautor John Grisham kam durch die Verfilmung seines ersten Romans „Die Jury“ zustande. Der Film bewegte mich tief, also wünschte ich mir das Buch und bekam es von meinen Eltern. Ich war damals noch sehr jung, vielleicht etwa 12 Jahre alt. Mir kam gar nicht in den Sinn, dass der Mann weitere Bücher geschrieben haben könnte. Das wurde mir erst deutlich später bewusst. Ebenso wenig hätte ich mir nicht vorstellen können, dass sich „Die Jury“ bei Erscheinen nicht gut verkaufte. Der Durchbruch gelang Grisham nämlich erst mit seinem zweiten Roman „The Firm“, der passenderweise auch mein zweiter Grisham war – fast 20 Jahre nach „Die Jury“.

Mitch McDeere steht die Welt offen. Als drittbester Absolvent seines Jahrgangs an der juristischen Fakultät der Harvard Universität kann er sich aussuchen, für wen er künftig arbeiten möchte. Seine Wahl fällt auf Bendini, Lambert & Locke. Die exklusive Steuerrechtskanzlei bietet ihm sagenhafte Konditionen: Topgehalt, vollumfängliche Sozialleistungen und zahlreiche Vergünstigungen. Begleitet von seiner Ehefrau Abby zieht er nach Memphis, Tennessee.

An seinem ersten Tag wird Mitch jedoch nicht zu einer Begrüßungsfeier, sondern zu einer Beerdigung geladen. Zwei Partner der Kanzlei sind bei einem Tauchunfall auf den Kaimaninseln verunglückt. Ohne der seltsamen Tragödie einen weiteren Gedanken zu widmen, stürzt sich Mitch in die Arbeit. Aber schon bald fallen ihm in den Büchern der Firma Ungereimtheiten auf und er erfährt, dass die beiden verstorbenen Partner nicht die ersten Anwälte der Kanzlei waren, die unter mysteriösen Umständen den Tod fanden. Als ihn wenig später das FBI anspricht, wird Mitch klar, dass bei Bendini, Lambert & Locke nicht nur das Arbeitspensum mörderisch ist.

„The Firm“: Gier kennt keine Grenzen

Die Inspiration für „The Firm“ bezog John Grisham aus einer Unterhaltung während seines Jurastudiums. Einer seiner Kommiliton_innen, den Grisham als „Topstudent“ bezeichnete, wurde noch vor ihrem Abschluss heftig hofiert und besuchte regelmäßig Kanzleien, die ihn gern einstellen wollten. Nach einem solchen Besuch berichtete der Kommilitone, dass er bei einer bestimmten Firma ein merkwürdiges Gefühl gehabt hätte. Er hätte den Eindruck gewonnen, dass man diese Kanzlei nicht mehr verlässt, wenn man einmal drin ist.

Mich überrascht es überhaupt nicht, dass dieses Gespräch Grisham dazu verleitete, „The Firm“ zu schreiben. Wenn das Szenario dieses juristischen Thrillers eines ist, dann plausibel. Ich kann mir ohne Probleme vorstellen, dass es in den USA tatsächlich Kanzleien gibt, die agieren wie Bendini, Lambert & Locke. Ihre Masche, junge, vielversprechende Jura-Absolventen (es sind ausschließlich Männer) aus bescheidenen Verhältnissen mit Geld und sensationellen Vergünstigungen in die Firma zu locken und dann langsam die Schlinge zuzuziehen, bis sie nicht mehr kündigen können, ist diabolisch perfide und erschreckend realistisch.

Dabei erschien mir Bendini, Lambert & Locke zuerst gar nicht verdächtig. Natürlich sind die Bedingungen und Regeln, die Mitch bereits früh in „The Firm“ präsentiert werden, schon etwas ungewöhnlich. Dennoch leuchtete es mir ein, dass eine Kanzlei für Steuerrecht mit einigen äußerst wohlhabenden Klient_innen unverschämt hohe Gewinne einstreicht und übergriffig in die Privatleben ihrer Anwälte eindringt, um diese Gewinne zu maximieren. Glückliche Angestellte sind produktive Angestellte.

Hätte ich intensiver darüber nachgedacht, wäre mir wahrscheinlich aufgefallen, dass bei Bendini, Lambert & Locke eben nichts normal ist. Vielleicht wäre ich sogar darauf gekommen, was hinter der ehrwürdigen Fassade der Kanzlei wirklich vor sich geht. Stattdessen habe ich mich während der Lektüre von „The Firm“ ganz in John Grishams fähige Hände übergeben, ließ mich von ihm unterhalten und mir die Antworten in seinem Tempo kredenzen.

Ich bin damit sehr gut gefahren – ich fand das Buch extrem spannend, fieberte mit und entwickelte sogar eigene paranoide Schübe, sobald klar wurde, dass Mitch beobachtet wird. Hinter jeder Ecke vermutete ich Verfolgung, Abhörung und Überwachung und kam in den Genuss eines wirklich mitreißenden Katz-und-Maus-Spiels. Grisham setzt keinerlei Vorkenntnisse in US-amerikanischem Steuerrecht voraus, gestaltet die Handlung zugänglich und bemerkenswert flüssig.

Es fiel mir leicht, eine Verbindung zu Mitch aufzubauen – bis zu einem gewissen Punkt, an dem Grisham übertrieb und der Glaubwürdigkeit zugunsten der Action den Rücken kehrte. Mitch entpuppt sich etwa ab der Hälfte von „The Firm“ als eine Art Genie, ein Mastermind. Trotz des enormen psychischen Drucks und seiner Unerfahrenheit ist er seinen (professionellen) Gegenspieler_innen weit überlegen, was meine Stirn in tiefe Furchen des Zweifels legte. Zusätzlich inszeniert Grisham am Ende des Romans eine spektakuläre Flucht, die sich für mich viel zu lange hinzog. Kurz vor Schluss verlor mich der Autor daher leider doch noch.

Meiner Ansicht nach demonstriert „The Firm“, dass Gier einfach keine Grenzen kennt. Man könnte argumentieren, dass die Anwälte in John Grishams juristischem Thriller primär aus Selbstschutz handeln, ich denke jedoch, dass sie eher ihr Vermögen als Leib und Leben schützen wollen. An Luxus gewöhnt man sich schnell und wenn Taten keine Konsequenzen nach sich ziehen, glaubt man irgendwann, unantastbar zu sein. In dieser Hinsicht fand ich „The Firm“ komplett überzeugend. Ich hatte viel Spaß daran, Mitch in den Irrgarten seiner verfahrenen Situation zu folgen und Grisham zu vertrauen, dass er uns herausführen würde.

Leider konnte er diesem Vertrauen nicht ganz gerecht werden. Ich vermute allerdings, dass es sich dabei um Kinderkrankheiten handelt, die Grisham im Verlauf seiner Karriere ablegte. „The Firm“ ist schließlich erst sein zweites Buch. Mir ist mittlerweile bewusst, dass er noch mehr geschrieben hat – da ist bestimmt der eine oder andere weitere Kandidat für mich dabei.

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