Cover des Buches "Foxfire: Confessions of a Girl Gang" von Joyce Carol Oates

Autor_in: Joyce Carol Oates

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 328 Seiten

Verlag: Plume

Sprache: Englisch

ISBN-10: 0452272319

Genre: Realistische Fiktion > Psychologischer Realismus

Ausgelesen: 29.10.2020

Bewertung: ★★★★☆

Joyce Carol Oates wurde am 16. Juni 1938 geboren. Demnach ist sie am heutigen Tage (März 2022) 83 Jahre alt. Ihr erstes Buch, die Kurzgeschichten-Anthologie „By the North Gate“, erschien 1963. Seitdem veröffentlichte sie insgesamt 58 Romane, zahlreiche Novellen, Kurzgeschichten, Theaterstücke, Gedichte und Aufsätze sowie Essays. Trotz ihres mittlerweile fortgeschrittenen Alters ist sie weiterhin äußerst produktiv und publiziert jedes Jahr mindestens einen Roman.

Diese bemerkenswerte Produktivität wird ihr manchmal negativ ausgelegt, ebenso wie ihre Themenwahl. In der Vergangenheit wurde ihr häufig empfohlen, sich auf „Frauenthemen“ zu beschränken und den „großen Sozialroman“ Autoren wie Norman Mailer zu überlassen. Vor dem Hintergrund dieser Kritik wirkt ihr 22. Buch „Foxfire: Confessions of a Girl Gang“ beinahe wie eine Retourkutsche, denn darin beschäftigt sich Oates mit dem Traum einer feministischen Utopie.

Vor ihrer Wiedergeburt war Maddy ein Niemand. Sie war nicht mehr als ein Mädchen der frühen 50er Jahre in der Kleinstadt Hammond im Bundesstaat New York – wie es auch ihre Blutsschwestern waren. Erst FOXFIRE erweckte sie, entfachte das Feuer in ihnen. Sie entflammten für den Kampf gegen eine ungerechte Welt, in der jungen Frauen niemals Türen offenstanden, in der sie unterschätzt und eingesperrt wurden. FOXFIRE rächte sich. FOXFIRE spuckte dieser Welt der Männer ins Gesicht und tat, was sie verdienten.

Doch das Feuer brannte heißer, als Maddy und ihre Schwestern ertragen konnten. Sie verglühten in den Flammen ihres Zorns. Viele Jahre später blickt Maddy – Madeleine – zurück. Als Chronistin der Mädchengang ist es ihre Aufgabe, in der Asche ihrer Träume Antworten zu finden und zu erklären, was sie selbst kaum versteht: Warum FOXFIRE scheitern musste.

Die Bücher von Joyce Carol Oates sind oft schwer zu interpretieren. Ich kann natürlich nur für mich selbst sprechen, aber ihre gesellschaftskritischen Werke lassen mich häufig etwas ratlos zurück. Diese Geschichten muss ich lange in meinem Unterbewusstsein arbeiten lassen, bis ich Vermutungen über ihre Bedeutungen anstellen kann.

Bei „Foxfire: Confessions of a Girl Gang“ brauchte ich mehrere Monate, um einen Verdacht zu entwickeln, was mir die Schriftstellerin mit diesem Buch sagen möchte. Die Erkenntnis wurde von einer interessanten Beobachtung begleitet: Ich konnte mich nicht auf eine Interpretation festlegen, weil ich zu dicht dran war. Ich musste erst Distanz gewinnen, um zu erkennen, was direkt vor meiner Nase lag. Ich bin fest überzeugt, dieser Effekt ist kein Zufall.

Joyce Carol Oates muss ihn entweder gezielt forciert oder zumindest billigend in Kauf genommen haben, denn anders ist nicht zu erklären, warum sie mich so tief in die Ich-Perspektive ihrer unzuverlässigen Erzählerin Maddy eintauchen ließ, dass ich den Wald vor lauter Bäumen nicht sah.

„Foxfire“ ist eine Erinnerungschronik, die von kurzen Bezügen zur Gegenwart eingerahmt wird. Als erwachsene Frau erinnert sich Madeleine an ihre Zeit als Teenager, als Maddy und als Gründungsmitglied der Mädchengang FOXFIRE. Wie notwendig diese Trennung zwischen Madeleine und Maddy für sie ist, wird schnell offensichtlich. Ihre Schilderungen gleichen einem Bewusstseinsstrom, sie schreibt oft ohne Punkt und Komma, als würde sie mitgerissen.

Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie sie schneller und schneller tippt, jede Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit hinter sich lässt und die Ereignisse noch einmal durchlebt. Maddys Erfahrungen üben einen enormen Sog auf sie aus, dem sie sich nur stellen kann, wenn sie sich emotional abspaltet.

Dadurch wirkt „Foxfire“ äußerst authentisch, doch es war nicht immer leicht, ihren Gedanken zu folgen. Dennoch begriff ich instinktiv, wie und warum FOXFIRE entstand. Die Gang begann als Schwesternschaft, die sich Gerechtigkeit für Frauen auf die Fahnen schrieb. Sie war eine Antwort auf vieles und in ihren Reihen fanden die Mitglieder Loyalität, Hingabe, Liebe und Fürsorge. Sie waren füreinander da, als es sonst niemand war, schon gar nicht die Männer in ihren Leben, die sie ausnahmslos als übergriffig erlebten.

Daher ist es kein Wunder, dass Zorn ein entscheidendes Bindemittel in der Dynamik von FOXFIRE war. Ihr Gewaltpotential war früh und deutlich erkennbar; so ist kein Wunder, dass sich die Gang rasant kriminalisierte, denn die Mädchen berauschten sich an ihrem Zorn, dem erstmals ein Ventil geboten wurde.

Weibliche Gewalt ist demnach ein Hauptmotiv in „Foxfire“ – Joyce Carol Oates beschreibt eindrücklich, wie sie entsteht, sich kanalisiert und am Ende eskaliert. Deshalb glaube ich, dass die Autorin mit diesem Roman betonen möchte, dass weibliche Emanzipation und Feminismus unvermeidlich sind. Das ist die Botschaft, mit deren Definition ich mich so schwertat. Wer Wind sät, wird Sturm ernten.

„Foxfire: Confessions of a Girl Gang” ist ein Roman über die Emanzipationserfahrung jugendlicher Frauen in den 1950er Jahren. Ich habe eine Weile darüber nachgedacht, ob er sich auch als Coming-of-Age – Erzählung qualifiziert, kam jedoch zu dem Schluss, dass diese Kategorie zu schwach ist für das, was Joyce Carol Oates in diesem Buch beschreibt. Die Gewalt, mit der sich die Mädchengang FOXFIRE emanzipierte, ist dafür zu dominant.

„Foxfire“ hat nichts mit der Schilderung eines sanften, unschuldigen Erwachens zu tun. Vielmehr handelt es vom Traum radikaler, rachsüchtiger Gleichberechtigung, der zerplatzt, als die Gang zu weit geht. Am Ende müssen diese jungen Kriegerinnen einsehen, dass Feminismus nicht gegen die Gesellschaft möglich ist, sondern nur mit ihr – und das schließt Männer selbstverständlich ein.

Ich fand die Lektüre hypnotisch und äußerst inspirierend. Es ist ein brutal feministisches Buch, das mich als weibliche Leserin gnadenlos bei meinem Gerechtigkeitssinn packte. Wer glaubt, Frauen könnten nicht mit aller Härte für ihre Rechte kämpfen, irrt gewaltig.

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