'In Cold Blood' von Truman Capote

Titel: “In Cold Blood”

Autor_in: Truman Capote

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 336 Seiten

Verlag: Penguin

Sprache: Englisch

ISBN-13: 9780141182575

Genre: Non-Fiction

Ausgelesen: 26.04.2021

Bewertung: ★★★☆☆

Trivia: Infos rund um Buch und Autor_in

  • Am 16. November 1959 las der für seine Novelle „Frühstück bei Tiffany“ gefeierte Schriftsteller Truman Capote in der New York Times einen kurzen Artikel über einen brutalen Vierfachmord in dem kleinen Städtchen Holcomb im ländlichen Kansas. Die Ermittlungen standen ganz am Anfang; das Verbrechen war erst tags zuvor entdeckt worden und es gab keine offensichtlichen Hinweise auf Täter_innen, Tathergang oder Motiv.

  • Die Rätselhaftigkeit des Falls faszinierte Truman Capote. Zu diesem Zeitpunkt experimentierte er bereits mit einem literarisch-journalistischen Stil. Er glaubte, dass sich Nonfiction mit novellistischen Mitteln ebenso spannend erzählen lässt wie Fiktion. Um seine These zu beweisen, wollte er etwas gänzlich Neues schreiben: einen Tatsachenroman. Ihm fehlte lediglich die passende Story. Diese vermutete er in dem furchtbaren Verbrechen, das Holcomb erschütterte. Kurzentschlossen und begleitet von seiner Jugendfreundin Harper Lee reiste er nach Holcomb, um sich selbst ein Bild zu machen.

  • Die Reise war der Beginn einer umfassenden Begleitung des Falls. Über sechs Jahre beobachtete Truman Capote die Ermittlungen, recherchierte Hintergründe und führte Interviews mit Angehörigen, Beteiligten und schließlich auch mit den verurteilten Tätern Richard Hickock und Perry Smith, die er im Todestrakt bis zu ihrer Hinrichtung am 14. April 1965 besuchte.

  • Das Ergebnis seiner jahrelangen Recherchen, in deren Zuge er ca. 6.000 Seiten Notizen zusammentrug, erschien zuerst als vierteilige Artikelserie ab September 1965 im Magazin The New Yorker unter dem Titel „In Cold Blood“ und entpuppte sich sofort als Sensation. In Kansas war der New Yorker in kürzester Zeit bis aufs letzte Exemplar ausverkauft. Dieser Erfolg setzte sich mit der Buchversion fort, die im Januar 1966 veröffentlicht wurde. Capotes revolutionärer Ansatz, einen realen Kriminalfall mit den Erzähltechniken eines Romans zu rekonstruieren, wurde sowohl von der literarischen Gemeinschaft als auch von der Leserschaft begeistert aufgenommen.

  • Heute gilt „In Cold Blood“ als erster echter True Crime-Roman der Literaturgeschichte. Selbstverständlich gab es auch zuvor bereits Berichte realer Verbrechen; wahrscheinlich erzählten sich unsere Vorfahr_innen schon True Crime, als sie noch in Höhlen lebten und in Felle gekleidet ums Feuer saßen. Doch vor Truman Capote hatte niemand einen Kriminalfall konsequent als Tatsachenroman aufbereitet. Für mich als True Crime-Fan war das Buch deshalb eine willkommene Pflichtlektüre.

Deutsche Inhaltsangabe zu „In Cold Blood“

Am 15. November 1959 werden Herbert Clutter, seine Frau Bonnie und ihre beiden jüngsten Kinder Nancy und Kenyon in ihrem Farmhaus in Holcomb, Kansas, ermordet aufgefunden. Die Familie gilt in der Gemeinde als angesehen und beliebt, Herbert Clutter als erfolgreicher, respektierter Landwirt. Es gibt kein offensichtliches Motiv, keine Zeug_innen und zunächst auch keine Verdächtigen.

Die langwierigen Ermittlungen, die Truman Capote von Beginn an als Beobachter begleitete, führen schließlich zu den Ex-Häftlingen Richard Hickock und Perry Smith. Warum töteten die beiden Männer eine Familie, die sie nicht kannten – und welche Folgen hatte das grausame Verbrechen für Betroffene und Beteiligte?

Am 15. November 1959 werden Herbert Clutter, seine Frau Bonnie und ihre beiden jüngsten Kinder Nancy und Kenyon in ihrem Farmhaus in Holcomb, Kansas, ermordet aufgefunden. Die Familie gilt in der Gemeinde als angesehen und beliebt, Herbert Clutter als erfolgreicher, respektierter Landwirt. Es gibt kein offensichtliches Motiv, keine Zeug_innen und zunächst auch keine Verdächtigen.

Die langwierigen Ermittlungen, die Truman Capote von Beginn an als Beobachter begleitete, führen schließlich zu den Ex-Häftlingen Richard Hickock und Perry Smith. Warum töteten die beiden Männer eine Familie, die sie nicht kannten – und welche Folgen hatte das grausame Verbrechen für Betroffene und Beteiligte?

Buchnotizen: Stärken, Schwächen und Reflexionen

  • Die Wurzeln des modernen True Crime-Genres:

    „In Cold Blood“ gilt als Ursprung des modernen True Crime-Genres. Aber verströmt es diesen speziellen Nervenkitzel, diese Faszination, die True Crime-Fans wie ich suchen? Ich für meinen Teil kann das bestätigen. Ich habe beim Lesen eindeutig True Crime-Vibes erlebt. Ja, das Medium ist anders als zumindest ich es gewohnt bin. Schließlich handelt es sich um ein Buch, nicht um eine Dokuserie oder einen Podcast. Es ist verblüffend, wie ähnlich meine Erfahrung mit diesem „Nonfiction-Roman“, wie Truman Capote „In Cold Blood“ selbst nannte, meinem Erleben von True Crime in anderen Medien dennoch war.

    Ich fand die Lektüre spannend; der Fall der ermordeten Familie Clutter zog mich intensiv in seinen Bann. Für mich geht es bei True Crime vordergründig nicht um voyeuristische Beschreibungen – wobei ich zugebe, dass eine Prise Voyeurismus zu meinem Unterhaltungsfaktor beiträgt. Hauptsächlich geht es bei diesem Genre für mich um Analysen von Verbrechen als gesellschaftlichen Phänomenen. Ich möchte verstehen, warum Menschen Verbrechen begehen und was ihre Taten über unsere Gesellschaft aussagen. Der für mich fesselndste Part von „In Cold Blood“ war dementsprechend das Motiv der beiden Täter.

    Zu ergründen, warum Richard Hickock und Perry Smith eine vierköpfige Familie töteten, die bekanntermaßen nie größere Summen Bargeld im Haus hatte und mit der sie keine persönliche Beziehung verband, war der Motor, der meine Lektüre antrieb. Den brauchte ich auch, denn Truman Capotes Schilderungen sind teilweise recht ausufernd und detailliert. Die meiste Zeit störte ich mich nicht daran, denn ich wusste, dass Capote die beiden Mörder von ihrer menschlichen Seite zeigen wollte. Gerade die Details tragen signifikant zur Charakterstudie der Täter und somit zum Gesamtbild des Verbrechens bei.

    Nur gegen Ende übertrieb er es meiner Meinung nach; er beginnt, sich in Nebensächlichkeiten zu verlieren, die für sich genommen zwar interessant waren, in diesem Buch jedoch nichts zu suchen hatten. Auf mich wirkte es, als wäre Capote so in seinen Recherchen gefangen gewesen, dass es ihm irgendwann nicht mehr gelang, zu differenzieren und zu entscheiden, welche Aspekte er besser ausgeklammert hätte. Begleitet man einen Fall so eng über einen so langen Zeitraum, ist es wahrscheinlich auch wirklich schwierig, den Absprung zu finden.

  • Keine Interpretationen, keine Spekulationen, keine Einordnung:

    Eine Facette von „In Cold Blood“, die mir während der Lektüre besonders auffiel, war, wie nachdrücklich Truman Capote um Sachlichkeit bedacht war. Im Buch bezieht er nie Stellung. Augenscheinlich liefert er ausschließlich Fakten. Ungeklärte Ungereimtheiten des Falls bleiben ungeklärt. Capote erlaubt sich keine Interpretationen, keine Spekulationen und keine moralische Einordnung, weder des Verbrechens noch der Vorgeschichte der Täter oder der Todesstrafe. Sicherlich entspricht diese Abgrenzung seiner Auffassung des von ihm begründeten Genres, mir erschien es jedoch unbefriedigend, dass ich nie erfuhr, was Truman Capote von all dem hielt.

  • Die problematische Objektivitätsfrage:

    Obwohl mir „In Cold Blood“ ein lupenreines True Crime-Erlebnis bot, demonstrierte es mir auch, inwiefern sich das Verständnis vom und die Anforderungen an das Genre seit Ersterscheinen des Buches 1966 verändert haben. Die Objektivität, die Truman Capote anstrebte, ist aus meiner heutigen Sicht problematisch, weil sich diese ausschließlich auf seine Autorität als Autor stützt und nicht auf eine transparente Arbeitsweise.

    Das Buch enthält keinerlei Belege für seinen angeblich objektiven Tatsachenbericht, keine Quellenangaben oder sonstiges weiterführendes Material. Das heißt, wissen wir nicht, ob die von ihm präsentierten Fakten stimmen und können kaum abschätzen, inwieweit seine Darstellung von seinen persönlichen Ansichten geprägt wurde. Ersteres wurde nach der Veröffentlichung von „In Cold Blood“ mehrfach in Frage gestellt. Capote wurde vorgeworfen, Interview-Aussagen der beteiligten Personen und ganze Szenen verzerrt wiedergegeben oder schlicht erfunden zu haben.

    Meine Vernunft und Erfahrung mit True Crime sagen mir zudem, dass die Annahme, Capote wäre ein unbeteiligter Berichterstatter geblieben, vollkommen illusorisch ist. Er war über Jahre so tief in den Fall verwickelt, dass es schlicht unmöglich ist, dass er keine Meinung entwickelte. Da er jedoch weder seine Quellen noch seine persönliche Involvierung transparent offenlegt, bleibt Leser_innen nur, ihm entweder zu glauben oder nicht.

    Mir fiel es schwer, ihm blind zu vertrauen. Ich erwarte nicht, dass Journalist_innen gänzlich objektiv in ihrer Berichterstattung sind, denn ich weiß, dass das nicht möglich ist. Ich erwarte hingegen Transparenz: Quellenangaben und Belege für Fakten, aber auch die Kennzeichnung von subjektiven Meinungen, Interpretationen, Spekulationen und Wahrnehmungen als solche. Genau das macht Truman Capote in „In Cold Blood“ eben nicht. Rückblickend ist dadurch nicht mehr nachvollziehbar, inwiefern er wirklich objektiv war, und darunter leidet die Authentizität des Buches.

Leseempfehlung?

Liebt ihr True Crime, ist „In Cold Blood“ von Truman Capote auch für euch beinahe eine Pflichtlektüre. Ich kann euch versichern, dass das Buch euer Interesse an realen Kriminalfällen mühelos befriedigen wird. In dieser Hinsicht kann ich es guten Gewissens empfehlen.

Ich fand das journalistische Engagement, das in diesem Werk steckt, sehr beeindruckend, denn der Autor wusste zu Beginn seiner Recherchen vor Ort natürlich nicht, wie sich der Fall entwickeln würde. Er ging ein großes Risiko ein, als er entschied, die Ermittlungen zu begleiten. Auch dass er bereit war, Jahre zu investieren, verdient Respekt.

Ich muss euch jedoch davor warnen, moderne Maßstäbe an den „Nonfiction-Roman“ anzusetzen. Schlagt „In Cold Blood“ nicht mit der Erwartungshaltung auf, die literarische Version einer zeitgenössischen True Crime-Podcast-Folge zu bekommen. Könnt ihr euch damit abfinden, dass Capotes Quellen und seine persönliche Voreingenommenheit nicht deklariert werden, spricht nichts dagegen, dem Buch eine Chance zu geben.

Für Fans von …

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