Cover des Buches 'Als ich unsichtbar war' von Martin Pistorius

Titel: „Als ich unsichtbar war“

OT: „Ghost Boy“

Autor_in: Martin Pistorius

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 331 Seiten

Verlag: Bastei Lübbe

Sprache: Deutsch

ISBN-13: 9783404603565

Genre: Non-Fiction > Biografie

Ausgelesen: 01.04.2024

Bewertung: ★★★★☆

Trivia: Infos rund um Buch und Autor_in

  • „Als ich unsichtbar war“ ist die Autobiografie des Südafrikaners Martin Pistorius. Sie erschien 2011 ursprünglich unter dem Titel „Ghost Boy“ und verschaffte ihm weltweit Bekanntheit für seine außergewöhnliche Lebensgeschichte.

  • Pistorius wurde 1975 in Südafrika geboren. Als er 12 Jahre alt war (1987/88), begann er, aus heiterem Himmel rätselhafte Krankheitssymptome zu zeigen. Pistorius verlor die Fähigkeit, sich zu bewegen, zu sprechen und fiel letztendlich in ein Wachkoma.

  • Seine Ärzt_innen vermuteten als Ursache Kryptokokken-Meningitis oder Gehirntuberkulose. Eine eindeutige Diagnose gab es jedoch nie. Niemand rechnete damit, dass sich sein Zustand jemals bessern würde. Er benötigte intensive Pflege, die tagsüber in Pflegeeinrichtungen, abends zu Hause erfolgte.

  • Das Wachkoma hielt rund vier Jahre an. Als Martin Pistorius ca. 16 Jahre alt war, geschah das Unerwartete: Er erwachte und erlangte sein Bewusstsein langsam zurück. Sein Körper blieb jedoch gelähmt. Er konnte sich weiterhin weder bewegen noch mitteilen. So blieb auch sein wahrer Zustand viele Jahre unerkannt.

  • Erst etwa 2000, mit 25 Jahren, bemerkte eine Therapeutin, dass Pistorius auf ihre Aussagen reagierte. Tests belegten sein Bewusstsein. Er erhielt Zugang zu computerunterstützten Kommunikationsmethoden und konnte erstmals wieder Kontakt mit seiner Umwelt aufnehmen. Zu diesem Zeitpunkt war er seit 12 Jahren in seinem Körper gefangen.

  • In den folgenden Jahren und Jahrzehnten setzte Martin Pistorius alles daran, seine Selbstständigkeit zurückzugewinnen. Durch intensive Reha gelang es ihm, wieder an der Gesellschaft teilzunehmen. Er studierte, heiratete, wanderte mit seiner Ehefrau nach England aus und wurde 2018 Vater.

  • Heute ist Martin Pistorius freiberuflicher Webdesigner, Entwickler, Speaker, Rollstuhlrennfahrer und nicht zuletzt Autor. Seine Autobiografie „Als ich unsichtbar war“ fiel mir wahrscheinlich wenige Jahre nach ihrem Erscheinen auf einem Mängelexemplar-Tisch in die Hände.

Deutsche Inhaltsangabe zu „Als ich unsichtbar war“

Als Martin Pistorius 12 Jahre alt ist, erkrankt er schwer. Nach und nach verliert er die Kontrolle über seinen Körper und fällt in einen vegetativen Zustand, in dem er weder seine Umwelt noch sich selbst wahrnimmt. Vier Jahre lang bleibt jede Hoffnung aus – dann, mit 16 Jahren, beginnt sein Bewusstsein langsam zurückzukehren. Er erwacht. Es gleicht einem Wunder.

Leider bleibt sein wacher Geist in einem paralysierten Körper gefangen. Der mittlerweile 19-Jährige kann sich niemandem mitteilen. Doch Pistorius gibt nicht auf: Er findet Wege zu kommunizieren und sich in die Welt zurückzukämpfen. Seine außergewöhnliche Lebensgeschichte zeigt, wie ein Mensch innere Stärke, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe zurückgewinnen kann – und wie leicht der äußere Schein trügt.

Als Martin Pistorius 12 Jahre alt ist, erkrankt er schwer. Nach und nach verliert er die Kontrolle über seinen Körper und fällt in einen vegetativen Zustand, in dem er weder seine Umwelt noch sich selbst wahrnimmt. Vier Jahre lang bleibt jede Hoffnung aus – dann, mit 16 Jahren, beginnt sein Bewusstsein langsam zurückzukehren. Er erwacht. Es gleicht einem Wunder.

Leider bleibt sein wacher Geist in einem paralysierten Körper gefangen. Der mittlerweile 19-Jährige kann sich niemandem mitteilen. Doch Pistorius gibt nicht auf: Er findet Wege zu kommunizieren und sich in die Welt zurückzukämpfen. Seine außergewöhnliche Lebensgeschichte zeigt, wie ein Mensch innere Stärke, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe zurückgewinnen kann – und wie leicht der äußere Schein trügt.

Buchnotizen: Stärken, Schwächen und Reflexionen

  • Hinweis zur Bewertung:

    „Als ich unsichtbar war“ ist eine Autobiografie. Das Buch schildert die tatsächlichen Erlebnisse und Erfahrungen des Autors Martin Pistorius. Meine Sterne-Bewertung bezieht sich demzufolge ausdrücklich nicht auf den Inhalt, sondern nur auf die literarische Aufbereitung seiner persönlichen Geschichte und meiner Leseerfahrung damit.

  • Erwartungsmanagement des deutschen Untertitels und Klappentexts:

    Die deutsche Ausgabe von „Als ich unsichtbar war“ trägt den Untertitel „Die Welt aus der Sicht eines Jungen, der 11 Jahre als hirntot galt“. Das ist mindestens eine Übertreibung. Martin Pistorius war nie „hirntot“. Die korrekte Bezeichnung für seinen Zustand lautet Locked-in-Syndrom – aber das eignet sich natürlich nicht so schön für einen dramatischen Untertitel.

    Der Klappentext der deutschen Ausgabe ist ebenfalls irreführend. Dieser klingt, als ginge es in dieser Autobiografie um Pistorius‘ Erfahrungen, während er unerkannt in seinem Körper eingeschlossen war. Tatsächlich geht es jedoch hauptsächlich um seinen Kampf, wieder am Leben teilnehmen zu können, nachdem er sein Bewusstsein zurückerlangt hatte und es ihm gelang, zu kommunizieren. Natürlich teilt er Erinnerungen aus den Jahren, in denen er wie eine leere Hülle behandelt wurde, doch der primäre Fokus von „Als ich unsichtbar war“ liegt auf seiner „Auferstehung“.

    Ich finde diese Differenzierung sehr wichtig, denn die Aufmachung der deutschen Ausgabe hat meine Erwartungen an das Buch beeinflusst. Ich musste mich während der Lektüre erst damit arrangieren, dass es nur am Rande um Martin Pistorius‘ Locked-in-Erfahrungen geht. Das habe ich auch geschafft, ich konnte meine Herangehensweise verschieben und mich auf die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung konzentrieren. Aber ich musste dadurch eine Hürde überwinden, die es gar nicht gegeben hätte, hätte Bastei Lübbe Untertitel und Klappentext anders formulieren lassen. Einfach unnötig.

  • Glühendes Plädoyer für Selbstbestimmung und Teilhabe:

    Aus meiner Sicht ist „Als ich unsichtbar war“ ein einzigartiges, wertvolles Plädoyer für die Selbstbestimmung, Selbstermächtigung und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Martin Pistorius ist ein Paradebeispiel dafür, wie sehr der äußere Schein trügen kann. Er zeigt eindrücklich, wie leicht und schnell sowohl das Umfeld als auch Unbeteiligte behinderten Menschen ihre eigenen Annahmen überstülpen. Da Pistorius nicht sprechen und sich kaum bewegen kann, wird ihm immer wieder unterstellt, dass er auch kognitiv stark eingeschränkt sein muss – obwohl das kaum weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte.

    Selbst ich habe beobachtet, dass ich enorme Probleme hatte, seinen mentalen und körperlichen Zustand zusammenzubringen, auch wenn es bei mir genau andersherum war. Ich musste mir ständig bewusst machen, dass er trotz seiner mentalen Beweglichkeit und physischen Fortschritte in einem unkooperativen, unberechenbaren Körper lebt, der seiner gesundheitlichen Entwicklung harte Grenzen setzt. Er wird immer einen Rollstuhl brauchen, völlig egal, wie intelligent und autonom sein Geist ist.

  • Schriftstellerische Qualität:

    Für mich las sich „Als ich unsichtbar war“ sehr flüssig; ich fand die Qualität von Schreib- und Erzählstil solide und einer Autobiografie angemessen. Von diesem Genre erwarte ich keine literarischen Meilensteine, Authentizität und Nahbarkeit sind mir wesentlich wichtiger. Mithilfe der Autorin und Ghostwriterin Megan Lloyd Davies ist Martin Pistorius das für den Großteil des Buches gelungen. Es gab nur wenige Passagen, die mir zu gewollt poetisch erschienen oder in denen ich es schwierig fand, seinen Gedankengängen und -sprüngen zu folgen. Das könnte aber auch an der Übersetzung der deutschen Ausgabe liegen. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine eher durchschnittliche Übersetzung die Qualität eines Buches beeinflusst.

  • Barrieren haben viele Facetten:

    Wenn „Als ich unsichtbar war“ eines sehr deutlich macht, dann, wie wichtig barrierefreie oder zumindest barrierearme digitale Angebote für Menschen wie Martin Pistorius sind. Für die gesellschaftliche Teilhabe von Personen mit Behinderung ist der technische Fortschritt ein echter Segen. Es ist eine Schande, wie unzureichend sie im Alltag in den Genuss dieses essenziellen Bausteins kommen. Wir hinken als Gesellschaft in Belangen der Barrierefreiheit immer noch erbärmlich weit hinterher.

    Pistorius spricht in „Als ich unsichtbar war“ jedoch nicht nur digitale und physische, sondern auch zwischenmenschliche und entwicklungspsychologische Barrieren an. So gesteht er gegen Ende des Buches, dass es ihm immer noch schwerfällt, Entscheidungen zu treffen, weil ihm so lange nichts zugetraut und er so gut wie nie um seine Meinung gebeten wurde. Er musste unter enorm erschwerten Bedingungen lernen, die Verantwortung eines Erwachsenen zu übernehmen, nachdem er viele Jahre nicht einmal über seine grundlegendsten Bedürfnisse entscheiden durfte und von den Menschen in seinem Umfeld abhängig war.

    Dieser Abhängigkeit und ihrem Einfluss auf seine Beziehungen ist sich Pistorius ebenfalls schmerzlich bewusst. So beschreibt er zum Beispiel die Angst, seine Eltern zu verärgern, die daher rührte, dass diese sich jederzeit weigern konnten, sich weiter um ihren hilfebedürftigen Sohn zu kümmern. Darin zeigt sich, wie belastet sein Sozialleben durch seine Erkrankung war und welche emotionalen Barrieren durch sie entstanden, denn wer immer fürchtet, im Stich gelassen zu werden, traut sich nicht, die eigenen Gefühle auszuleben.

  • Armutszeugnis für das Gesundheitssystem:

    „Als ich unsichtbar war“ zeigt ungeschönt, wie gewaltig die Mängel des südafrikanischen Gesundheits- und Pflegesystems waren, als Martin Pistorius in den 1990ern Patient mit hohem Pflegebedarf war. Dabei geht es weniger um die Diagnose des Locked-in-Syndroms, die bereits unter normalen Umständen schwierig ist. Es geht vor allem um seine Erlebnisse in verschiedenen Pflegeeinrichtungen. Pistorius musste schockierende, unwürdige, brutale Gewalt ertragen, die erschreckend häufig aus Nichtbeachtung oder Gedankenlosigkeit ausgeübt wurde.

    Selbst in einer Tagesklinik, in der er vergleichsweise gut behandelt wurde, wurden seine Bedürfnisse nicht nur nicht erkannt, sondern oft schlichtweg ignoriert. Abgesehen von der Therapeutin, die letztendlich seinen Zustand erkannte, nahm sich niemand wirklich Zeit für ihn und es hatte auch niemand Interesse daran, sich mit seiner Lage auseinanderzusetzen und eine Verbesserung anzustreben.

    Martin Pistorius analysiert die Gründe für die mangelhaften Strukturen des Gesundheitssystems in „Als ich unsichtbar war“ nicht. Vermutlich unterscheiden sich die Ursachen in Südafrika kaum von den Ursachen des oft zitierten Pflegenotstands in Deutschland. Ich kann nur hoffen, dass sich die Umstände in den fast 15 Jahren seit der Erstveröffentlichung von „Als ich unsichtbar war“ zumindest etwas verbessert haben.

  • Keine Einordnung, kein Urteil:

    „Als ich unsichtbar war“ ist eine sehr intime Autobiografie, die eine enorme emotionale Wirkung entfaltet, weil Martin Pistorius sehr anschaulich schildert, welche Empfindungen mit seinen außergewöhnlichen Erfahrungen verknüpft waren und sind. Gleichzeitig hatte ich beim Lesen trotzdem den Eindruck, dass eine Einordnung an manchen Stellen fehlt. Medizinische, juristische oder moralische Dimensionen von Pistorius‘ Geschichte werden weitgehend ausgespart. Eine klare Bewertung des Unrechts, das ihm widerfahren ist, nimmt er nicht vor. Er urteilt nicht.

    Ich kann nachvollziehen, dass seine Autobiografie bewusst keine Abrechnung sein soll und er wahrscheinlich eher seine persönliche Aufarbeitung und Reflexion im Sinne hatte, als er sie schrieb. Dennoch hat mir eine solche Einordnung gefehlt, weil es sich dadurch anfühlte, als begleite die Lektüre ein Elefant, den niemand anspricht.

Leseempfehlung?

Ja. Ich weiß, dass solche „Erfahrungen“-Bücher einen schlechten Ruf haben und sicher nicht für alle Leser_innen das Richtige sind, aber ich fand „Als ich unsichtbar war“ sehr berührend und augenöffnend. Martin Pistorius‘ unglaubliche Resilienz, sein Lebenswille und das Durchhaltevermögen, mit dem er seinem eigenen Körper Erfolge abringen konnte, sind wahnsinnig inspirierend.

Für mich war es jedoch an erster Stelle der umfassende Perspektivwechsel, der meine Lektüre der Autobiografie so wertvoll gestaltete. Unmittelbar durch die Augen eines Menschen mit Behinderung zu sehen, in seinen metaphorischen Schuhen zu gehen, war absolut enthüllend und horizonterweiternd. Ich bin Pistorius sehr dankbar, dass er seine Erlebnisse mit mir teilte und mir so erlaubte, Erfahrungen nachzuempfinden, die ich selbst voraussichtlich nie machen werde.

Er hat mich daran erinnert, dass sich eine Gesellschaft immer daran messen lassen muss, wie sie ihre schwächsten Mitglieder behandelt. Er hat mir gezeigt, wie weit der Weg noch ist, bis wir von einer inklusiven Gesellschaft sprechen können. Solltet ihr diesen Perspektivwechsel ebenfalls brauchen, kann ich euch „Als ich unsichtbar war“ sehr ans Herz legen.

Bewerte diesen Beitrag!