African Book Festival 2022

Hallo ihr Lieben 😊

Heute möchte ich euch von meinen Erfahrungen beim African Book Festival 2022 am 27.08. hier in Berlin berichten. Da es sich um ein kleines, lokales Literaturfestival handelt, das sich einem Buchmarkt widmet, der hierzulande (noch) nicht die Popularität erreicht hat, die dieser eigentlich verdient, möchte ich zuerst erklären, was das überhaupt für eine Veranstaltung ist, wer sie ausrichtet und welches Ziel sie verfolgt. Anschließend erzähle ich euch, wie ich auf das Festival aufmerksam wurde. Danach folgt der Bericht meiner Erlebnisse vor Ort und abschließend mein Fazit, ob ich es wieder besuchen würde.

Ich habe den Beitrag mit meinen eigenen Fotos und offiziellen Aufnahmen des African Book Festivals 2022 bebildert, die mir freundlicherweise vom Verlag InterKontinental zur Verfügung gestellt wurden. Meine privaten Bilder sind qualitativ nicht perfekt, weil ich häufig zu weit entfernt von der Bühne saß und die Belichtung in den abgedunkelten Räumen schwierig war. Ich hoffe, dass sie euch trotzdem einen visuellen Eindruck meiner Erfahrungen verschaffen können.

Seid ihr bereit? Dann legen wir los. Besuchen wir das literarische Afrika.

Hintergrund

Was ist das African Book Festival 2022?

Das African Book Festival 2022 war die vierte Ausgabe eines jährlichen Literaturfestivals, das die Kunst des vielseitigen afrikanischen Kontinents in den Mittelpunkt stellt. Mit Lesungen, Interviews, Diskussionsrunden und diversen anderen spannenden Formaten konnten sich Besucher_innen unterschiedlichste Eindrücke der verschiedenen Facetten des kreativen Afrikas verschaffen.

Offizielles Banner des African Book Festival 2022

Offizielles Banner des African Book Festivals 2022 mit einem Porträt des Kurators Lidudumalingani und dem Logo des Festivals. Mit freundlicher Genehmigung von InterKontinental.

Sie konnten afrikanische sowie afrikanisch-stämmige Kulturschaffende treffen und eine Welt kennenlernen, die vielen Europäer_innen noch immer exotisch und fremd erscheint. Bücher, Essen und Begegnungen – so lässt sich das Festival vielleicht am besten zusammenfassen.

Dieses Jahr lautete das Motto „Yesterday. Today. Tomorrow.“ und beschäftigte sich mit generationsübergreifenden Verbindungen afrikanischer Schriftsteller_innen. Dazu passend umfasste das African Book Festival 2022 auch erstmals ein Familienprogramm, in dem Kinderliteratur vorgestellt wurde. Kuratiert wurde das Programm von dem südafrikanischen Schriftsteller, Filmemacher und Fotografen Lidudumalingani. Das Kuratorium wechselt jedes Jahr, ebenso wie der geografische Schwerpunkt des Festivals. 2022 lag der Fokus demnach auf Südafrika, es waren aber auch Autor_innen aus Ghana, Namibia, Uganda und weiteren afrikanischen Ländern anwesend.

Offizielles Banner des African Book Festival 2022

Offizielles Banner des African Book Festivals 2022 mit einem Porträt des Kurators Lidudumalingani und dem Logo des Festivals. Mit freundlicher Genehmigung von InterKontinental.

Wer veranstaltete das African Book Festival 2022?

Das African Book Festival ist das kreative Baby von InterKontinental. Hinter diesem Namen verbirgt sich einerseits der gemeinnützige Verein InterKontinental e.V., der afrikanische Literatur in Deutschland fördert und afrikanische Schrifsteller_innen unterstützt; andererseits handelt es sich um eine Literaturagentur samt Verlag und Buchhandlung in Berlin-Friedrichshain. Deutschlandweit ist Interkontinental der erste Buchladen, der auf afrikanische und afrodiasporische Literatur spezialisiert ist. 2021 erhielt er den deutschen Buchhandlungspreis.

Warum gibt es das African Book Festival?

Hand aufs Herz, wie viele Bücher afrikanischer Autor_innen habt ihr bereits gelesen? Eine Handvoll? Hier und da mal vereinzelt ein Werk? Noch gar keins? Plagt euch jetzt bereits das schlechte Gewissen, kann ich euch ein wenig aus der Pflicht nehmen. Selbstverständlich tragen alle Leser_innen persönlich die Verantwortung für ihre Lektüreauswahl und wer gezielt nach Literatur afrikanischer Schriftsteller_innen sucht, wird sie finden. Aber der deutsche Buchmarkt ist dabei aktuell keine Hilfe.

Bücher afrikanischer Autor_innen sind in den Programmen deutscher Verlage noch immer katastrophal unterrepräsentiert, obwohl der Kontinent über mehrere lebendige, vielfältige und preisgekrönte Literaturszenen verfügt. Hier mal ein Zahlenvergleich, der diesen Fakt untermauert: Von den 102 Büchern, die auf dem African Book Festival 2022 vorgestellt wurden, wurden bisher gerade mal 16 in die deutsche Sprache übersetzt. Da viele afrikanische Schriftsteller_innen in Kolonialsprachen wie Englisch oder Französisch schreiben, kann eine Sprachbarriere nicht als Ausrede herangezogen werden.

Das African Book Festival möchte mit überholten, kolonialrassistisch geprägten Vorurteilen aufräumen und europäischen Leser_innen zeigen, wie viel sie verpassen, wenn sie afrikanischer Literatur keine Beachtung schenken. Dadurch soll der Buchmarkt geöffnet und interkulturelle Verständigung vorangetrieben werden. InterKontinental ist dabei besonders wichtig, authentischen afrikanischen Perspektiven Raum zu geben. Deshalb übernehmen afrikanische Kulturschaffende bei der Gestaltung des Festivals jedes Jahr die künstlerische Leitung.

Wie wurde ich auf das African Book Festival 2022 aufmerksam?

Ich verdanke meinen Besuch beim African Book Festival 2022 meiner lieben Freundin und Kollegin E. Im Gegensatz zu mir kennt sie sich recht gut mit afrikanischer Literatur aus. Sie ist Mitglied im Verein InterKontinental e.V. und erzählte mir erstmals 2021 von dem Festival. Schon letztes Jahr fragte sie mich, ob ich sie gern begleiten würde. Ich weiß nicht mehr, wieso das damals nicht ging, vermutlich gab es in meinem Terminkalender irgendeinen Konflikt. Wie dem auch sei, dieses Jahr schlug sie mir frühzeitig vor, mitzukommen und ich konnte mir den Tag blocken.

Das war besonders passend, weil wir so auch gleich ihren Geburtstag gebührend zelebrieren konnten. Zu diesem freudigen Anlass war ihre Familie zu Gast. Für das Wochenende planten sie neben dem African Book Festival 2022 weitere Unternehmungen, weshalb sie sich entschieden, nicht die gesamten drei Tage des Festivals mitzumachen, sondern nur den Samstag. Ich besorgte mir einen Tagespass und genoss die Monate der Vorfreude.

Ich traf im Vorfeld bewusst die Entscheidung, mich weder über die anwesenden Schriftsteller_innen noch über das Programm und dessen thematische Schwerpunkte zu informieren. Ich wollte vollkommen unvoreingenommen an das African Book Festival 2022 herangehen und es erwartungsfrei auf mich zukommen lassen. Ich wollte meinen Besuch nicht planen, sondern schauen, wie sich der Tag entwickelt.

Einen Abend vorher habe ich dann doch mal in das Programm reingeschnuppert, da ich allerdings schnell feststellte, dass viele interessante Veranstaltungen zeitgleich angesetzt waren, beschloss ich, mich einfach der Gruppendynamik hinzugeben. Besucht man zusammen ein Festival, ob nun Musik oder Literatur, gibt es ja immer Schnittmengen und ich finde, es muss Raum für Flexibilität gegeben sein.

So (un)vorbereitet machte ich mich am 27.08.2022 auf zu einer Reise in unbekannte literarische Kulturen.

Festivalbericht vom African Book Festival 2022

E., ihre Familie und ich trafen uns um 10:40 Uhr vormittags an der Berliner Nikolaikirche. Das African Book Festival 2022 fand in der Alten Münze statt, einem ehemaligen Münzprägewerk, das fußläufig von der Kirche liegt. Das war ursprünglich anders geplant. Nur wenige Tage zuvor hatten die Veranstalter_innen die katastrophale Nachricht erhalten, dass das Festival nicht wie angedacht im Napoleon Komplex in Friedrichshain ausgerichtet werden konnte. Alles stand auf der Kippe, weil das Bauamt am Dienstag (also drei Tage vor der Eröffnung des Festivals) eine Nutzungsuntersagung für die Location erließ.

Niemand kann so richtig nachvollziehen, warum eine sofortige Schließung des Komplexes angeblich notwendig war. Die Betreiber_innen der Spielstätte beteuern, dass sie angezeigte Mängel gewissenhaft beseitigt hatten und nennen die Entscheidung eine wissentliche Verhinderung von Diversität und Kiezkultur. Die Verantwortlichen bei InterKontinental werfen den Behörden vor, gleichgültig Kulturschaffende zu sabotieren, die nach der Corona-Pandemie ohnehin Schwierigkeiten haben, wieder auf die Beine zu kommen. Tatsächlich stößt auch mir dieses Vorgehen des Bezirks sauer auf. Es erscheint mir seltsam, so kurzfristig eine dermaßen radikale Lösung anzuordnen.

Glücklicherweise erklärte sich jedoch die Alte Münze bereit, das African Book Festival 2022 aufzunehmen. Wer sich ein bisschen mit Eventmanagement auskennt oder vielleicht schon mal eine größere private Feier spontan verlegen musste, kann sich vorstellen, was für ein Kraftakt der Umzug für die Veranstalter_innen und freiwilligen Helfenden war. Da muss haufenweise Equipment transportiert und am neuen Ort wieder aufgebaut, alle Beitragenden müssen informiert, das Programm den neuen örtlichen Gegebenheiten angepasst werden und vieles mehr. Es ist eine Mammutaufgabe.

Als wir gegen 11 Uhr an der Alten Münze eintrafen, war es deshalb (und aufgrund einer für Berlin typischen monströsen Baustelle, wie auf dem Foto zu sehen) gar nicht so einfach, den Eingang zum African Book Festival 2022 zu finden. Wir mussten einmal um das Gebäude herumlaufen, beobachteten dann aber am Ende einer schmaleren Sackgasse, wie gerade das Banner zum Festival an einer Häuserwand aufgehängt wurde. Perfektes Timing. Wir stellten uns in die Schlange zur Ticketkontrolle, wurden eingelassen und nahmen uns erst mal einen Moment, um uns zu orientieren.

Die erste Veranstaltung, die wir uns anschauen wollten, begann um 11 Uhr und sollte in der Chapel Bar stattfinden. Insgesamt gab es vier Bühnen: Die Hauptbühne, die Jozi Stage, die AfreeGems Stage (AfreeGems ist ein Online-Spezialitätenhandel für Nüsse, Kaffee, Gewürze und anderes aus Afrika und agierte als Sponsor des Festivals) und die genannte Chapel Bar.

Bis auf die AfreeGems Stage, die draußen im Hof aufgebaut war, befanden sich alle Bühnen in einem Gebäude der Alten Münze. Neben der Open-Air-Bühne mit davor platzierten Sitzgelegenheiten beherbergte der Hof einen kleinen Markt, auf dem afrikanisch-stämmige Händler_innen ganz verschiedene Waren anboten. Von Kulinarischem bis zu Schuhen war alles dabei. Zu Beginn des Festivals waren die Stände aber noch im Aufbau begriffen und unser erster Termin sollte ohnehin in wenigen Minuten starten, daher machten wir uns erst mal auf den Weg zur Chapel Bar.

Die Chapel Bar lag im obersten Stockwerk, also hieß es Treppensteigen. Auf dem Weg nach oben fiel uns auf, dass die Wände mit ausgedruckten Zitaten der Beitragenden und anderen erfolgreichen afrikanischen Schriftsteller_innen verziert waren. Ich fand das wundervoll, weil es so viel Liebe zum Detail bewies. Später entdeckten wir die Zitate auch an vielen anderen Stellen. So konnten die Besucher_innen auf den Wegen zwischen den Veranstaltungen, beim Essen oder Bücher shoppen über Denkanstöße grübeln und diskutieren. Eine tolle Idee.

Das Gebäude selbst erinnerte mich an eine Schule oder Universität: Lange Gänge, die schon bessere Zeiten gesehen haben und zum Teil in recht fragwürdigen Farben gestrichen waren. Gemütlich ist dieses Haus der Alten Münze demnach nicht, aber dank der Ausgestaltung des Festivals kam trotzdem eine einladende Atmosphäre auf. Die Chapel Bar war natürlich auch keine echte Bar, sondern ein langer, schmaler Raum, an dessen einen Ende eine Bühne errichtet worden war. Davor befanden sich ganz klassisch Klappstuhlreihen für Zuhörer_innen. Wir suchten uns Plätze in der hintersten Reihe und warteten darauf, dass es losging.

Foto der Chapel Bar auf dem African Book Festival 2022

Die Chapel Bar während einer anderen Veranstaltung. © Jörg Kandziora Mit freundlicher Genehmigung von InterKontinental

Lesungs-Panel: „What is Cooking? Adding Critical Feminism to the Pot“

Diese erste Veranstaltung war eine Art Lesungs-Panel unter dem Titel „What is Cooking? Adding Critical Feminism to the Pot“. Ja, beinahe alle Formate des African Book Festivals 2022 wurden auf Englisch präsentiert – kein Wunder, schließlich sprechen die meisten afrikanischen Schriftsteller_innen kein oder nur wenig Deutsch. Solltet ihr also je mit dem Gedanken spielen, das Festival auszukundschaften, müsst ihr das bedenken und fit in der englischen Sprache sein. Das Panel sollte von drei Frauen gehalten werden, die sich in einem Kollektiv für Nahrungsgerechtigkeit im südafrikanischen Kapstadt engagieren. Sie betreiben dort ein Netzwerk von Community-Küchen und forschen dazu.

Mir war zuvor nicht klar, dass im Programm nur drei Frauen angekündigt waren, darum überraschte es mich nicht, als ich vier Köpfe auf der Bühne sah. Es handelte sich um Sanelisiwe Nyaba, Nomonde Buthelezi, Adelaide Cupido und Thimna Matika. Alle vier haben Kurzgeschichten zu einer Anthologie beigetragen, die denselben Namen trägt wie das Panel. Darin verarbeiten sie ihre Erfahrungen, Gedanken und Erinnerungen zum Thema Kochen und Ernährung als sozioökonomisches Phänomen. Soweit ich weiß, ist das Buch derzeit noch nicht erschienen. Jede von ihnen hat eine ihrer Geschichten vorgelesen und dem Publikum Einblicke gewährt, warum und wie die jeweilige Kurzgeschichte zustande kam.

Die Lesung entpuppte sich als eine sehr emotionale Veranstaltung. Die Geschichten der vier Frauen sind unheimlich persönlich und eng mit ihren familiären Beziehungen verknüpft. Es gab mehr als einen Moment, in dem eine der Vortragenden beim Vorlesen schwer schlucken und mit den Tränen kämpfen musste. Das berührte mich ungemein, ich wünschte jedoch, wir hätten weiter vorn gesessen. Von ganz hinten waren die Vier schlecht zu hören, da es offenbar technische Probleme gab und nur ein Lautsprecher funktionierte. Hinzu kommt, dass ich nicht an südafrikanisch-akzentuiertes Englisch gewöhnt bin. Dadurch musste ich mich sehr anstrengen, um überhaupt etwas zu verstehen.

Den Gefühlen im Raum tat das allerdings keinen Abbruch. Auch wenn ich nicht alles verstehen konnte, auf der emotionalen Ebene erreichten mich alle vier Frauen mühelos. Ich fühlte, was sie mir erzählten. Das war viel wichtiger als eine makellose Akustik. Es brachte mich zum Nachdenken darüber, inwiefern Ernährung eine soziale Frage ist und für wie viele Frauen die Fähigkeit, ihre Familie auch mit wenig satt zu bekommen, einen Aspekt ihrer Selbstachtung ausmacht.

Das Lesungs-Panel ging eine Stunde. Leider habe ich es während der gesamten Stunde verpasst, Fotos zu machen, worüber ich mich in Nachhinein sehr ärgere. Ich hatte zu Beginn des Festivals noch das Gefühl, dass es unhöflich sein könnte, mitten in einer Veranstaltung aufzustehen und meine Handykamera zu zücken. Das legte sich erst, als ich beobachtete, dass viele andere diese Hemmungen nicht hatten.

Nach diesem schwer verdaulichen, sehr bewegenden Format sehnten wir uns nach etwas Leichtigkeit, deshalb bummelten wir anschließend erst einmal über den Markt, der nun bereits vollständiger war. Bis zur nächsten Veranstaltung hatten wir ohnehin etwa eine halbe Stunde Zeit. Diese nutzten wir, um bunte Stoffe zu bestaunen, kreative Handarbeit zu begutachten und schon einmal das Essensangebot auszukundschaften. E. gönnte sich einen neuen Rucksack, unter tatkräftiger Kaufberatung von mir und ihrem Partner. Im Nachhinein kann ich berichten, dass sie mit ihrer Wahl sehr glücklich ist. 😄

Das nächste Format, das uns interessierte, fand passenderweise auf der AfreeGems Stage statt. Wir mussten deshalb gar nicht auf die Uhr achten, sondern konnten auf dem Hof spazieren, bis Bewegung auf die Open-Air-Bühne kam. Als es so weit war, ergatterten wir Plätze an einer Sitzbank-Tisch-Kombination und freuten uns, nun spannende Leseempfehlungen zu erhalten.

Gesprächsrunde: „Your Next Good Read“

Foto von Xabiso Vili, Emmanuel Iduma, Lerato Mogoathle und Alexandra Antwi-Boasiako bei der Veranstaltung "Your Next Good Read" auf dem African Book Festival 2022

Xabiso Vili, Emmanuel Iduma, Lerato Mogoathle und Alexandra Antwi-Boasiako (v.l.n.r.) © Jörg Kandziora Mit freundlicher Genehmigung von InterKontinental

Das Format war genau das Richtige für Bücherwürmer: Im einstündigen Gespräch mit der Moderatorin Alexandra Antwi-Boasiako verrieten die Schrifsteller_innen Emmanuel Iduma, Lerato Mogoatlhe und Xabiso Vili, welche Bücher sie besonders feiern, welche ihnen weshalb viel bedeuten und welche Werke sie interessierten Leser_innen ans Herz legen möchten. Ich hörte ihnen allen sehr gern zu, weil es ein lockeres, humorvolles Gespräch war, das mich bei meiner Leidenschaft packte.

Nicht alle Empfehlungen trafen genau meinen Geschmack – zum Beispiel stellte Xabiso Vili, der Südafrika in den Poetry Slam Weltmeisterschaften Ende September in Brüssel vertreten wird, einen Gedichtband vor – aber es war einfach schön, andere Menschen so für Literatur brennen zu sehen. Außerdem ist es immer faszinierend, zu erfahren, wie Autor_innen ihre eigene Lektüreauswahl treffen und wie ihre Arbeit sie dabei beeinflusst.

Auf mich hatte die lebhafte Empfehlung der Autorin und Journalistin Lerato Mogoatlhe den größten Effekt.

Sie präsentierte den historischen Roman „Scatterlings“ von Rešoketšwe Manenzhe und sprach so beeindruckend davon, dass ich am liebsten sofort losgezogen wäre, um ihn zu kaufen. Den Titel hatte ich nicht mitbekommen, war aber zuversichtlich, das Cover zu erkennen. Wie praktisch, dass es auf dem African Book Festival 2022 selbstverständlich einen Buchladen gab. Dieser war unser nächstes Ziel.

Normalerweise hat die Alte Münze keinen Buchladen. Die Veranstalter_innen des Festivals funktionierten dafür die unterste Etage des Gebäudes um. Das war clever, weil Besucher_innen so an hunderten Büchern vorbeigehen mussten, wenn sie zur Hauptbühne im linken Flügel gelangen wollten. Rückblickend finde ich es ziemlich bemerkenswert, wie groß die Auswahl war. Schließlich mussten all diese Exemplare erst mal zur Location hingekarrt werden – und das auch noch sehr kurzfristig.

Vermutlich handelte es sich um das reguläre Sortiment von InterKontinental. Es gab natürlich Werke der auftretenden Schrifsteller_innen zu kaufen, aber auch Bücher anderer Autor_innen. Zum Beispiel habe ich auf einem Tisch „The Hate U Give” von Angie Thomas entdeckt. Neben Romanen wurden Sachbücher, Ratgeber und Anthologien angeboten. Es gab ein englisches und ein deutsches Sortiment, die Zusammenstellung erschien mir allerdings etwas willkürlich. Einige Bücher gab es nur auf Englisch, andere nur auf Deutsch, bei wieder anderen war das Verhältnis ausgeglichen.

Der Andrang war wie zu erwarten groß, es wurde aber nie so voll, dass ich nicht mehr stöbern konnte. Bei diesem ersten Abstecher in den Laden war mir wichtig, auf meinen Bauch zu hören, impulsiv die Bücher anzuschauen, die mir ins Auge stachen und nur diejenigen mitzunehmen, die wirklich etwas in mir auslösten. In einem Setting wie dem African Book Festival 2022 lässt sich der gemeine Bücherwurm ja gern mal mitreißen und anstecken, bis auf einmal ein ganzer Stapel neuer Exemplare nach Hause gewuchtet werden muss und man sich fragt, ob wohl kurzfristig ein Logistikunternehmen einspringen kann. Einige von euch kennen dieses Phänomen vermutlich von den Buchmessen.

Das wollte ich nicht. Ich wollte sichergehen, nur Bücher auszusuchen, die ich auch ohne die Aufregung des Festivals interessant fände und mit denen ich sehr wahrscheinlich eine positive Leseerfahrung erleben würde. Deshalb ignorierte ich sogar E.s euphorische Empfehlungen, was sie mir glücklicherweise nicht übelnahm. Meinen Einstieg in die afrikanische Literatur wollte ich eigenständig gestalten. Ich schlenderte durch die Regal- und Tischreihen, nahm hier und dort mal ein Buch in die Hand und wartete darauf, dass mein Bauch mir Zeichen sendete.

Das erste Mal rührte er sich, als ich mir „Brüder“ von Jackie Thomae ansah. Der Roman erzählt die Geschichte von zwei Brüdern, die beide in der DDR aufwachsen, im weiteren Verlauf ihrer Leben jedoch völlig unterschiedliche Wege einschlagen. Das Einzige, das sie auf den ersten Blick gemeinsam haben, ist die Hautfarbe, die ihr Vater ihnen vererbte. Die Verbindung zur ostdeutschen Historie resonierte sofort in mir, also klemmte ich mir das Buch kurzentschlossen unter den Arm und zog weiter.

Für das zweite Zeichen brauchte mein Bauch etwas länger. Durch das wunderschöne farbenfrohe Cover wurde ich auf „The Last Gift of the Master Artists“ von Ben Okri aufmerksam. Der Klappentext klang interessant, überzeugte mich aber noch nicht vollends. Ich schlug das Buch auf und las in die Einleitung des Autors rein. Dort fand ich folgenden Satz:

„My main intention in the writing of the novel was to imagine the time before the lives of Africans changed forever, just before the Atlantic slave trade.”

(„Mein Hauptanliegen beim Schreiben dieses Romans war, mir die Zeit vorzustellen, bevor sich die Leben von Afrikaner_innen für immer veränderten, kurz vor dem atlantischen Sklavenhandel.“)