Cover des Buches "No Life But This" von Anna Sheehan

Titel: „No Life But This“

Reihe: UniCorp #2

Autor_in: Anna Sheehan

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 302 Seiten

Verlag: Gollancz

Sprache: Englisch

ISBN-13: 9780575104778

Genre: Science-Fiction > Young Adult

Ausgelesen: 239.05.2022

Bewertung: ★★☆☆☆

Trivia: Infos rund um Buch und Autor_in

  • Die Autorin Anna Sheehan bevorzugt Bücher, die in sich geschlossen sind. Sie mag es nicht, wenn Bücher mit einem Cliffhanger enden, die Leser_innen quasi zwingen, den nächsten Band ebenfalls zu lesen. Ihr Roman „A Long, Long Sleep“ ist daher die abgeschlossene, auserzählte Geschichte der Protagonistin Rose, der Sheehan nichts hinzuzufügen hatte.

  • Dennoch existiert die Fortsetzung „No Life But This”. Diese entstand, weil es eine andere Figur in „A Long, Long Sleep“ gab, deren Geschichte Sheehan gern erzählen wollte: die des Empathen Otto.

  • „No Life But This“ erschien drei Jahre nach „A Long, Long Sleep”. Anna Sheehan warnt selbst davor, dass es sich in Tenor und Stimmung deutlich vom Vorgänger unterscheidet. Eine Ursache dafür ist der Tod ihres ersten Ehemannes. Selbstverständlich beeinflusste dieser Verlust ihre Weltsicht und wirkte sich dementsprechend auch auf ihren Schreibprozess von „No Life But This“

  • Ein weiterer Faktor könnte ihr Lektoratswechsel mitten in der Überarbeitungsphase gewesen sein. Sheehan berichtet, dass ihr ursprüngliches Lektorat das Buch in eine Richtung drängen wollte, die für sie als Autorin einfach nicht funktionierte – obwohl sie sich redlich bemühte. Diese Person wollte eine Geschichte erzählen, die nicht die Geschichte war, die Anna Sheehan erzählen wollte. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es sich dabei um eine stringentere Fortsetzung handelte.

  • Da eine Einigung offenbar nicht möglich war, trennte sich Anna Sheehan von diesem Lektorat, fand neue Unterstützung und veröffentlichte „No Life But This“ 2014 als die Geschichte, die ihr von Anfang an vorschwebte.

Deutsche Inhaltsangabe zu „No Life But This“

Otto wurde nicht geboren. Er wurde erschaffen. Als Ergebnis eines ehrgeizigen Experiments besitzt er außergewöhnliche empathische Fähigkeiten – und zahlt nun einen hohen Preis dafür. Otto ist krank. Seine Kräfte drohen, ihn innerlich zu zerreißen. Als sich sein Zustand rapide verschlechtert, bleibt nur eine letzte Hoffnung: eine riskante Behandlung auf dem fernen Jupitermond Europa. Gemeinsam mit Rose, dem Mädchen, das einst nach langem Schlaf in einer veränderten Welt erwachte, verlässt er die Erde – in der Hoffnung auf Rettung, Antworten und ein normales Leben.

Doch Europa ist kein sicherer Zufluchtsort. Unter der Oberfläche gären Unruhen, alte Konflikte brechen auf, und Ottos innerer Zerfall lässt ihm kaum noch Zeit. Während er und Rose einander näherkommen, geraten sie an eine gefährliche Grenze – inmitten einer Revolution, die ihre fragile Welt ins Wanken bringt.

Otto wurde nicht geboren. Er wurde erschaffen. Als Ergebnis eines ehrgeizigen Experiments besitzt er außergewöhnliche empathische Fähigkeiten – und zahlt nun einen hohen Preis dafür. Otto ist krank. Seine Kräfte drohen, ihn innerlich zu zerreißen. Als sich sein Zustand rapide verschlechtert, bleibt nur eine letzte Hoffnung: eine riskante Behandlung auf dem fernen Jupitermond Europa. Gemeinsam mit Rose, dem Mädchen, das einst nach langem Schlaf in einer veränderten Welt erwachte, verlässt er die Erde – in der Hoffnung auf Rettung, Antworten und ein normales Leben.

Doch Europa ist kein sicherer Zufluchtsort. Unter der Oberfläche gären Unruhen, alte Konflikte brechen auf, und Ottos innerer Zerfall lässt ihm kaum noch Zeit. Während er und Rose einander näherkommen, geraten sie an eine gefährliche Grenze – inmitten einer Revolution, die ihre fragile Welt ins Wanken bringt.

Buchnotizen: Stärken, Schwächen und Reflexionen

  • Diese Fortsetzung wäre lieber ungeschrieben geblieben:

    Bei allem Respekt für Anna Sheehans Verlust, ich war zutiefst enttäuscht von „No Life But This“. Der zweite Band der „UniCorp“-Dilogie reißt alle Säulen ein, durch die sich der Auftakt als bemerkens- und lesenswert qualifizierte. Anna Sheehan zerstört einfach jeden Aspekt, für den ich „A Long, Long Sleep“ mochte – besonders die positive Entwicklung, die sich für die Protagonistin abzeichnete. Ist das die beste Fortsetzung, die Sheehan schreiben konnte, wünschte ich, sie hätte es lieber bleiben lassen.

  • Keine Stimme, keine Meinung, keine Relevanz:

    Der entscheidende Unterschied zu „A Long, Long Sleep“ ist der Perspektivwechsel, den Anna Sheehan in „No Life But This“ vornimmt. Während der erste Band noch Roses Ich-Perspektive fokussierte, erleben wir die Ereignisse in der Fortsetzung aus Ottos Sichtweise. Das heißt, Rose wird ausschließlich von außen gezeigt, es gibt keine Szenen, in denen ihre Innensicht thematisiert wird. Das wiederum heißt, dass Rose verzerrt dargestellt ist – zu 100 Prozent getrübt von Ottos Wahrnehmung ihrer Person. Und was dieser angeblich ach so liebe, einfühlsame, rücksichtsvolle junge Mann in ihr zu sehen glaubt, trieb mich fast zur Weißglut.

    Er betrachtet Rose ausnahmslos als schwach, fragil und traumatisiert. In seinen Augen ist sie ein verstörtes junges Mädchen, das definitiv gerettet werden muss. Er kommt nie auf die Idee, sich zu fragen, ob sie das vielleicht selbst könnte. Da die Darstellung ihrer Gedanken- und Gefühlswelt fehlt, erhält seine Wahrnehmung niemals eine Einordnung. Es wird dementsprechend kein Gegengewicht zur Perspektive von Roses überwiegend männlichem Umfeld etabliert; als Leser_innen müssen wir uns mit dem begnügen, was die Männer in Roses Leben von ihr halten und auf sie projizieren. Was gelinde gesagt erschreckend ist.

    Manchmal blitzt der Stahl, der mir Rose in „A Long Long Sleep“ so sympathisch machte, nämlich doch durch. Versucht Rose, sich zu behaupten, fängt sie sich allerdings sofort vernichtendes Feedback ein: Ihr wird vorgeworfen, die Realität zu verleugnen und sich wie ihr Vater zu verhalten. Wenn ihr mich fragt, grenzen diese Reaktionen an emotionalen Missbrauch und dienen nur dazu, sie kleinzuhalten. Kein Wunder, dass sie sich nicht traut, für sich selbst einzustehen – ihr vermitteln quasi alle, dass sie nur als gläsernes Püppchen akzeptiert werden kann.

    Mich hat das so wütend gemacht, ich hätte um mich schlagen können. Fort ist das Empowerment des ersten Bandes, fort sind Emanzipation und Selbstbestimmtheit. Anna Sheehan hätte die Gelegenheit gehabt, Rose in „No Life But This“ als starke und verletzliche Heldin zu inszenieren. Statt diese Chance zu nutzen, reproduzierte sie lieber patriarchalische Machtstrukturen und bestrafte ihre Protagonistin für ihren Mut in „A Long, Long Sleep“, indem sie ihr erst die Stimme, dann die Meinung und letztlich auch die Relevanz wegnahm.

  • Toxische Beziehungsdynamik:

    Angesichts des erschreckend sexistischen Eindrucks, den Otto von Rose vermittelt, hätte es mich nicht überraschend dürfen, dass mir ihre Dynamiken ebenfalls kalte Schauer über den Rücken jagten. Wie rasant toxisch sich ihre Beziehung in „No Life But This“ entwickelt, versetzte mich dennoch in Staunen.

    Otto konstruiert ein enges Abhängigkeitsverhältnis, in dem Rose paradoxerweise vollständig für sein Wohlbefinden verantwortlich ist. Er erpresst sie emotional und nutzt ihre Verletzlichkeit, ihre psychische Instabilität schamlos zu seinem Vorteil aus. Physisch lässt er ihr im Verlauf der Geschichte immer weniger Freiraum, er muss sie ständig berühren und klettet regelrecht an ihr. Aufgrund seiner Fähigkeiten ist das in doppelter Hinsicht übergriffig.

    Sein Verhalten ist durch die Handlung motiviert und erschien mir nachvollziehbar, erhält aus seiner Perspektive heraus jedoch erneut nie die dringend benötigte Einordnung. Ganz im Gegenteil, Rose erteilt ihm letztendlich im Nachhinein Absolution, wodurch sein Benehmen dann doch okay ist. Nein. Ist es nicht. Es wäre Anna Sheehans Aufgabe gewesen, das trotz ihrer offensichtlichen Sympathie für Otto klarzustellen.

  • Lichtblick in Person des Mistkerls:

    Die einzige männliche Figur in „No Life But This“, die Rose nicht auf ein Podest stellt und hinter Glas einschließen möchte, ist Quin, dem Otto und Rose auf Europa begegnen. Er behandelt sie genauso fies und aggressiv wie alle anderen, obwohl ich nicht verschweigen möchte, dass er Rose mit frauenfeindlichen Schimpfwörtern bedenkt. Es ist traurig, dass ich es als positiv empfand, dass der Mistkerl der Geschichte zumindest zu allen gleich unerträglich ist.

    Denn ganz ehrlich, Quin geht einfach gar nicht. Seine Ausdrucksweise, sein Charakter, sein Verhalten sind komplett inakzeptabel. Seine Persönlichkeit ist vollständig von Zorn und Aggression definiert, was ich ihm gegenüber unfair fand. Es ist nicht gerecht, dass Anna Sheehan diese Emotionen zu seiner Identität stilisierte. Hatte er nicht mehr verdient?

  • Gibt’s auch was Gutes?

    Ja. Darum hat es mich nur umso mehr enttäuscht, wie sehr sich „No Life But This“ auf das ungesunde Verhältnis von Otto und Rose fokussiert. Einige Randerscheinungen der Geschichte sind faszinierend und hätten sich für eine tiefere Auseinandersetzung wirklich angeboten, zum Beispiel die Feinheiten der Kolonisierung des Jupitermonds Europa, dort ansässige Lebensformen oder auch Roses Einstellung zur Stasis. Leider findet all das kaum Beachtung, weil Ottos persönliche Situation dominiert.

Leseempfehlung?

Nein, leider nicht. „No Life But This“ kann „A Long, Long Sleep” nicht das Wasser reichen. Wüsste ich es nicht besser, ich hätte angenommen, dass die beiden Bücher von zwei verschiedenen Autor_innen stammen müssen. Ich kann verstehen, dass sich Anna Sheehans gesamtes Leben durch den Tod ihres Ehemannes komplett veränderte. Trotzdem habe ich Schwierigkeiten, ihre Entscheidungen für die Geschichte dieser Fortsetzung nachzuvollziehen.

Es will mir nicht in den Kopf, wie es möglich ist, dass ich „A Long, Long Sleep“ glühend für Roses Empowerment lobte, während ich „No Life But This“ vorwerfen muss, dass Rose wie ein Keramikreh im Scheinwerferlicht wirkt. Eine solche 180-Grad-Wende ist mir meiner Erinnerung nach noch nicht untergekommen. Ich muss euch wirklich davon abraten, „No Life But This“ zu lesen – besonders, wenn ihr den Vorgänger mochtet.

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