'The Wisdom of Crowds' von Joe Abercrombie

Titel: „The Wisdom of Crowds“

Reihe: The Age of Madness #3

Autor_in: Joe Abercrombie

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 511 Seiten

Verlag: Orbit

Sprache: Englisch

ISBN-13: 9780316187220

Genre: Fantasy > High Fantasy

Ausgelesen: 07.07.2023

Bewertung: ★★★★★

Trivia: Infos rund um Buch und Autor_in

  • Joe Abercrombie begann etwa 2015, an der „The Age of Madness”-Trilogie zu arbeiten. Er plante damals, bereits alle drei Bände bei der Veröffentlichung des ersten Bandes fertiggestellt zu haben. Primär wollte er so sicherstellen, dass der Mehrteiler so kohärent wie möglich ausfiel. Er wollte sich selbst aber auch einen Vorsprung für sein nächstes Projekt verschaffen, mit dem er parallel zum Erscheinen von „The Age of Madness“ beginnen wollte.

  • Das ist ihm aus verschiedenen Gründen leider nicht gelungen. Als der erste Band „A Little Hatred“ im September 2019 erschien, lag er ca. sechs Monate bis zu einem Jahr hinter seinem ursprünglichen Zeitplan und steckte noch mitten in den Überarbeitungen der beiden Folgebände „The Trouble With Peace“ und „The Wisdom of Crowds“. Er musste also wieder Deadlines hinterherjagen, was er eigentlich vermeiden wollte.

  • Abgesehen von diesen Verzögerungen, die Abercrombie nonchalant mit „stuff happens“ erklärte, sah er sich im Juni 2020 gezwungen, seinen Entwurf für das Trilogiefinale „The Wisdom of Crowds“ noch einmal gründlich zu überarbeiten. Der Auslöser dafür waren die weltweiten Proteste gegen Polizeigewalt und strukturellen Rassismus nach der Ermordung von George Floyd am 25. Mai 2020.

    Die Black Lives Matter-Bewegung forderte damals unter anderem eine bewusste, kritische Auseinandersetzung mit dem historischen Erbe von Rassismus, Sklaverei und Kolonialismus in modernen Gesellschaften. Vielleicht erinnert ihr euch noch daran, dass zu dieser Zeit Statuen gestürzt und entfernt wurden, die Kolonialisten, Sklavenhändler und Konföderierte ehrten. Plötzlich spiegelte das Zeitgeschehen wider, was Joe Abercrombie bereits zwei bis drei Jahre zuvor beschrieben hatte.

  • Im Entwurf von „The Wisdom of Crowds”, der von ca. Ende 2017 bis ca. Mitte 2018 entstand, hatte Joe Abercrombie Szenen konzipiert, die Proteste, Demonstrationen, Ausschreitungen und sogar das Stürzen von Statuen zeigten. Im Juni 2020 hatte er das Gefühl, dass diese Szenen zu sehr wie ein offensichtlicher Kommentar realer Ereignisse wirkten und eine differenziertere Herangehensweise notwendig war. Obwohl sich der finale Band zu diesem Zeitpunkt bereits in einer der letzten Phasen vor der Fertigstellung befand, entschied Abercrombie, die Überarbeitung noch zu realisieren. Aus meiner Sicht zeugt das von Sensibilität und Respekt für seine Leser_innen.

  • Trotz dieser späten Anpassung erschien „The Wisdom of Crowds“ pünktlich im September 2021. Damit wurden die drei Bände zuverlässig und regelmäßig im Jahrestakt (September 2019, September 2020 und September 2021) veröffentlicht, wie Joe Abercrombie es mit seinem Verlag geplant hatte. Im Gegensatz zu einigen seiner Kolleg_innen war es ihm sehr wichtig, seine Leser_innen nicht zu enttäuschen und warten zu lassen. Man muss ihn einfach lieben, oder?

Deutsche Inhaltsangabe zu „The Wisdom of Crowds“

Die Union steht in Flammen. In Adua hat das Volk die Macht an sich gerissen und die alte Ordnung verbrannt. Als gestürzter König muss sich Orso in einer Realität zurechtfinden, in der sein Titel, sein Name und seine Beziehungen keine Bedeutung mehr haben.

Das Ehepaar Brock wittert im Umsturz eine Chance auf einen Neuanfang, eine Gelegenheit, ihre Ambitionen doch noch zu verwirklichen. Aber jeder Schritt gleicht einem Tanz auf einem Pulverfass: Der Wille des Volkes ist wankelmütig und richtet sich nach der Weisheit der Massen. Savine und Leo spielen mit dem Feuer – einem Feuer, das bis in den Norden greift. Dort setzt Rikke alles daran, ihr Protektorat zusammenzuhalten, während die Unruhen in der Union und alte Feindschaften das fragile Bündnis bedrohen.

Der Große Wandel wütet wie ein Sturm. Unsichtbare Hände ziehen die Fäden, jede Entscheidung entfacht neue Schockwellen, die weit über Adua hinausreichen – und niemand weiß, wer am Ende überleben wird.

Die Union steht in Flammen. In Adua hat das Volk die Macht an sich gerissen und die alte Ordnung verbrannt. Als gestürzter König muss sich Orso in einer Realität zurechtfinden, in der sein Titel, sein Name und seine Beziehungen keine Bedeutung mehr haben.

Das Ehepaar Brock wittert im Umsturz eine Chance auf einen Neuanfang, eine Gelegenheit, ihre Ambitionen doch noch zu verwirklichen. Aber jeder Schritt gleicht einem Tanz auf einem Pulverfass: Der Wille des Volkes ist wankelmütig und richtet sich nach der Weisheit der Massen. Savine und Leo spielen mit dem Feuer – einem Feuer, das bis in den Norden greift. Dort setzt Rikke alles daran, ihr Protektorat zusammenzuhalten, während die Unruhen in der Union und alte Feindschaften das fragile Bündnis bedrohen.

Der Große Wandel wütet wie ein Sturm. Unsichtbare Hände ziehen die Fäden, jede Entscheidung entfacht neue Schockwellen, die weit über Adua hinausreichen – und niemand weiß, wer am Ende überleben wird.

Buchnotizen: Stärken, Schwächen und Reflexionen

  • Finale mit Wumms:

    „The Wisdom of Crowds“ ist ein phänomenales Finale für die „The Age of Madness“-Trilogie. Joe Abercrombie beginnt den letzten Band mit einem Knall, indem er die Machtverhältnisse in Adua völlig auf den Kopf stellt. Diese Entwicklung hatte sich vor allem im direkten Vorgänger „The Trouble with Peace“ bereits angekündigt. Dadurch war ich nicht überrascht davon, empfand aber jede Menge Nervenkitzel, zu beobachten, wie sich der Sturm, der sich zwei Bände lang zusammenbraute, nun Bahn brach.

    Dieser explosive Einstieg wurde allerdings von den letzten 100 Seiten beinahe in den Schatten gestellt. Ich konnte die Spannung kaum aushalten. Abercrombie überschlägt sich regelrecht mit Offenbarungen und unerwarteten Wendungen. Ich verfolge seine Karriere nun schon ziemlich lange – ich glaube, ich habe in seinen Büchern noch nie einen solchen Thrill gespürt wie während der letzten Kapitel von „The Wisdom of Crowds“. Und jetzt sterbe ich ein bisschen, weil ich euch einfach nicht verraten darf, was genau passiert.

  • Ein ganz neuer Ansatz:

    Angesichts der Ausgangssituation in „The Wisdom of Crowds“ ist es nur konsequent, dass die politische gegenüber der handfesten Ebene der Handlung überwiegt. Es gibt natürlich actionreiche Szenen und auch meine heißgeliebten Abercrombie-Schlachten finden ihren Platz, doch im Vordergrund steht der innenpolitische Kampf der Union mit dem Fortschritt. Diese Fokussierung zieht sich durch die gesamte Trilogie. Obwohl ich die pikanten politischen Intrigen sehr zu schätzen weiß, mit der Abercrombie den Handlungsverlauf würzt, vermisste ich dennoch etwas den Abenteuerfaktor seiner bisherigen Mehrteiler.

    „The Age of Madness“ ist hinsichtlich Herangehensweise, Schwerpunkt und Inszenierung wirklich völlig anders als die „The First Law“-Trilogie. Es gibt weder Quest- noch Reisemotiv. Alles ist ausschließlich auf die Entwicklungen innerhalb der Union und des Nordens konzentriert – die ja schon immer in so enger Wechselwirkung zueinanderstehen, dass Wellen in der einen Nation stets auch in die andere überschwappen.

    Das heißt nicht, dass der Geschichte des Dreiteilers etwas fehlen würde, oder dass dieser weniger brillant wäre. Ich begrüße nur einfach jede Gelegenheit, Abercrombies Universum geografisch zu erforschen und das bietet „The Age of Madness“ eben nicht. Ich möchte eindeutig festhalten, dass es sich dabei jedoch um eine rein persönliche Vorliebe handelt – nicht um ein Wertungskriterium.

  • Der geplatzte Traum vom Großen Wandel:

    Wenn Savines und Leos gescheiterter Putschversuch im Vorgänger „The Trouble with Peace“ einem entgleisten Zug glich, wie ich es in meiner Rezension geschrieben habe, dann lässt sich die Entwicklung des Großen Wandels in „The Wisdom of Crowds“ nur noch mit einer Naturkatastrophe vergleichen. Dieses Bild passt nicht nur bezüglich der Dimensionen, sondern auch bezüglich der vorhersehbaren Unausweichlichkeit – zumindest, wenn man als Leser_in alle Ereignisse von oben betrachten kann.

    Joe Abercrombie versetzte mich im Verlauf der Trilogie in die Lage, die innenpolitische Situation der Union so präzise verstehen und analysieren zu können, dass ich die Erfolgsaussichten und Kipppunkte dieses Volksaufstandes korrekt prognostizieren konnte. Dennoch verurteilte er mich nie zur Distanz, sondern ließ mich emotional unmittelbar teilhaben. Ich fühlte intensiv mit den Figuren; wünschte ihnen, dass sie aus der Abwärtsspirale des Großen Wandels ausbrechen und sympathisierte mit ihnen gegen die Feindbilder, die Abercrombie trotz der Komplexität der Lage überzeugend entwirft.

    Er ermöglichte mir, zwischen den Grautönen seiner Geschichte tiefe Emotionen zu entwickeln und mich nebenbei auch noch clever und politisch gebildet zu fühlen. Ein Buch wie „The Wisdom of Crowds“ ist der beste Beweis, dass politische High Fantasy keineswegs trocken sein muss.

  • Figurenentwicklung im Windschatten der Revolution:

    Es gibt eine Szene in „The Wisdom of Crowds“, in der drei der zentralen Figuren der „The Age of Madness“-Trilogie auf einer Gartenparty zusammentreffen. Ich fand dieses Bild, wie die drei da zwischen Häppchen und Erfrischungen gute Miene zum bösen Spiel machen, nachdem sie alle daran beteiligt waren, nicht weniger als die Welt neuzugestalten, völlig absurd.

    Dadurch wurde mir bewusst, wie viel seit dem ersten Band „A Little Hatred“ passiert ist, wie viel sich gewandelt hat und auch, wie sehr sich die Figuren entwickelt haben. Fast war es, als wären Jahrzehnte vergangen, dabei behandelt die Trilogie einen Zeitraum von maximal ein bis zwei Jahren. Es faszinierte mich, welche Auswirkungen die Revolution auf ihre Persönlichkeiten hat, wer davon wie beeinflusst wird, welche Charakterzüge verstärkt und welche abgelegt werden. Manche Veränderungen sind offensichtlich, andere eher subtil, aber niemand von ihnen ist noch exakt die gleiche Person wie zu Beginn der Geschichte.

    Dieser Moment der Erkenntnis in „The Wisdom of Crowds“ vergegenwärtigte mir, wie hoch die schriftstellerische Qualität der Figurenentwicklung in der Trilogie ausfällt. Joe Abercrombie übertrifft sich selbst. In diesem Kontext kann ich einfach nicht anders, als Savine zu erwähnen. Ich muss Abercrombie meinen tiefempfundenen Respekt dafür aussprechen, wie er ihre Figur im Finale von „The Age of Madness“ noch einmal in einem Ausmaß glänzen lässt, das mir quasi die Schuhe auszog. Niemals habe ich Savine mehr bewundert als in „The Wisdom of Crowds“. Ich feiere Abercrombie dafür, dass die aus meiner Sicht mit Abstand beeindruckendste Figur seiner Trilogie eine Frau ist.

Leseempfehlung?

Selbstverständlich! „The Wisdom of Crowds“ ist sensationell, da gibt es nichts zu rütteln. Joe Abercrombie wird besser und besser. Man sieht mit jeder neuen Veröffentlichung, wie hart er an sich arbeitet und sich als Autor äußerst erfolgreich weiterentwickelt. Ich liebe seine High Fantasy seit Jahren und fühle mich geehrt, ihn auf seinem Weg begleiten zu können. „The Age of Madness“ erscheint mir wie ein sehr bedeutender Meilenstein in seiner Karriere, weil der konzentrierte Fokus auf die politische Ebene der Handlung wirklich etwas Neues ist.

Und wisst ihr, was das Allerallerallerbeste an „The Wisdom of Crowds“ ist? Am Ende macht Abercrombie meiner Meinung nach sehr deutlich, dass er mit seinem „First Law“-Universum noch immer nicht fertig ist. Ich bin mir absolut sicher, dass er absichtlich eine zukünftige Phase vorauszeichnet, einen Hauch von Schicksal wehen lässt und zurückkehren wird. Das KANN er so auch einfach nicht stehen lassen, das geht nicht. Ich kann es kaum erwarten, gemeinsam ein neues Kapitel aufzuschlagen und herauszufinden, welche Höhen er dann erreichen wird.

Für Fans von …

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