Cover des Buches "The Very Ugly Duckling" von Christopher Nuttall

Titel: „The Very Ugly Duckling“

Reihe: Bookworm #2

Autor_in: Christopher Nuttall

Format: Kindle Edition

Seitenzahl: 409 Seiten

Verlag: Elsewhen Press

Sprache: Englisch

ASIN: B00HNIARLE

Genre: Fantasy > High Fantasy

Ausgelesen: 13.11.2020

Bewertung: ★★★☆☆

Christopher Nuttall war beinahe von Geburt an ein begeisterter Leser. Er berichtet, dass seine Kindheit in den 80er Jahren mehr von Büchern als vom Fernsehen geprägt war. Und wie das eben so ist mit leidenschaftlichen Bücherwürmern, wollte er sein Hobby zum Beruf machen. Er studierte Bibliothekswesen.

Während seines Studiums entdeckte er sein historisches Interesse und begann, ein Onlinemagazin für alternative Geschichte namens „Changing the Times“ herauszugeben. Die Idee war, literarisch zu untersuchen, wie sich historische Ereignisse entwickelt hätten, wäre nur ein kleines Detail anders verlaufen. Beide Aspekte seiner Vergangenheit nützten Nuttall später in seiner Karriere als Schriftsteller. Ohne diese Erfahrungen wäre „The Very Ugly Duckling“, der zweite Band seiner „Bookworm“-Reihe, so wahrscheinlich nicht erschienen.

Magie ist Macht. Sie ist ein Geburtsrecht. Sie kann weder gegeben noch erworben werden. Johan Conidian sind diese unumstößlichen Gesetze schmerzlich bewusst. Seine einflussreiche Familie lässt ihn nie vergessen, dass seine bloße Existenz eine peinliche Schande ist. Johan ist Machtlos. Er besitzt keinerlei magisches Talent. Eines Tages hält Johan ihre Demütigungen nicht mehr aus. Heimlich schleicht er aus dem Haus, um die Goldene Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Sein Ausflug hat horrende Folgen. Versehentlich gerät er in einen politischen Protest vor dem Palast der Erzmagierin. Die Lage eskaliert; er wird ohnmächtig.

Als er wieder erwacht, hat sich alles verändert. Plötzlich verfügt Johan über magische Kräfte. Kräfte, die eigentlich unmöglich sein sollten. Die Erzmagierin erkennt sofort, welche Gefahr von Johan ausgeht und übergibt ihn in die Obhut der einzigen Person, die ähnliches erlebte: Elaine. Mit dem Wissen der Großen Bibliothek soll sie herausfinden, was mit Johan geschehen ist. Denn der Zeitpunkt wirkt verdächtig. Sechs Monate nach dem Angriff des Hexenkönigs ist die Goldene Stadt noch immer geschwächt. Könnte Johan mehr als ein Unfall sein? Ist er eine Waffe?

„The Very Ugly Duckling“: Ein spannendes Gedankenexperi­ment – nur leider zu verkopft

Ich habe mich wahnsinnig auf diese Rezension gefreut. Ich habe eine Menge über „The Very Ugly Duckling“ von Christopher Nuttall zu sagen, weil dieses Buch so viel mehr als ein unterhaltsamer High Fantasy – Roman ist. Die Lektüre war eine echte Überraschung, mit der ich nach meinem etwas seichten und belanglosen Einstieg in die „Bookworm“-Reihe niemals gerechnet hätte. Mittlerweile ist mir klar, dass der erste Band „Die Wissende“ keineswegs exemplarisch für Christopher Nuttalls Schriftstellerei steht. Nein, die Messlatte positioniert er erst mit „The Very Ugly Duckling“.

Die Fortsetzung der Tetralogie ist mit Haut und Haaren einem faszinierenden Gedankenexperiment gewidmet, in dem Nuttall eine zentrale Hypothese erforscht: Wie sähe eine Gesellschaft aus, in der Magie das Maß aller Dinge ist?

Vielleicht fragt ihr euch jetzt, was daran so besonders sein soll. Schließlich behandeln viele Fantasy-Romane ähnliche Ansätze. Aber ich habe bisher nur sehr wenige Bücher gelesen, in denen die Autor_innen mit derselben Ernsthaftigkeit und Konsequenz vorgehen wie Christopher Nuttall. „The Very Ugly Duckling“ sieht aus wie Unterhaltungsliteratur – in Wahrheit handelt es sich um eine höchst kritische und realistische Studie einer alternativen Gesellschaftsordnung.

Das Imperium, dessen Hauptstadt und Regierungssitz die Goldene Stadt ist, basiert auf Magie. Es ist abhängig von Magie. Alle sozialen Strukturen orientieren sich an der Macht, die Magie einer Person verschafft. Es herrscht ein rigides, strikt hierarchisches Ständesystem vor, das brutal diejenigen bevorzugt, die mit magischem Talent geboren werden. Kein anderer Faktor – weder Geld noch Beziehungen oder Aufopferungsbereitschaft – ist ähnlich entscheidend für gesellschaftlichen Erfolg und Aufstieg.

In „The Very Ugly Duckling“ fordert Christopher Nuttall dieses ungerechte System, das keinen Anspruch erhebt, die Schwachen zu schützen und aus heutiger Sicht archaisch wirkt, heraus. Der Protagonist Johan erschüttert dessen Grundfesten, weil er unbeabsichtigt gegen das Axiom verstößt, dass magische Fähigkeiten einerseits ausschließlich angeboren und andererseits unveränderlichen Regeln unterworfen sind.

Ähnlich wie Elaine stellt er damit selbstverständlich eine Gefahr für alles dar, was die uneingeschränkte Herrschaft von Magier_innen jahrhundertelang zementierte. Im Gegensatz zu ihm ist Elaine allerdings ein kalkulierbares Risiko, das durch ihren Nutzen für die Erzmagierin aufgewogen wird. Johan hingegen personifiziert den Albtraum jeder Elite: Jemand ohne Macht erhält sie plötzlich.

Intellektuell hatte ich immense Freude an diesem Gedankenexperiment. Auf der theoretischen, gesellschaftsphilosophischen Ebene ist „The Very Ugly Duckling“ äußerst fesselnd. Leider schwächelt die Fortsetzung jedoch bezüglich der Geschichte. Der Spannungsbogen bleibt vergleichsweise flach; durch lange ereignisarme Strecken zwischen den wenigen actionreichen Szenen kommt die Handlung nie richtig in Fahrt. Mit dieser Unausgeglichenheit stellt sich Christopher Nuttall selbst ein Bein: Es gelingt ihm nicht, seine anregenden Überlegungen massentauglich zu transportieren.

Ich fürchte, dass „The Very Ugly Duckling“ für viele Leser_innen zu verkopft ist. Auch ich fand es nicht immer leicht, mich mit der akademischen Ausrichtung der Fortsetzung der „Bookworm“-Reihe anzufreunden. Obwohl Christopher Nuttall mit seiner wirklichkeitsnahen Untersuchung der Implikationen von Magie für eine Gesellschaft seinen intelligenten Geist demonstriert, enttäuscht die konkret inhaltliche Ebene eher.

Dennoch möchte ich die Tetralogie weiterverfolgen, denn ich bin sehr neugierig, in welche Richtung sie sich entwickelt. Die ersten beiden Bände sind hinsichtlich ihrer Herangehensweise beinahe entgegengesetzt – ich bin gespannt, ob Christopher Nuttall einen Mittelweg findet.

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