N. K. Jemisin – The Hundred Thousand Kingdoms

Cover des Buches "The Hundred Thousand Kingdoms" von N. K. Jemisin

Reihe: The Inheritance Trilogy #1

Autor_in: N. K. Jemisin

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 410 Seiten

Verlag: Orbit

Sprache: Englisch

ISBN-10: 1841498173

Genre: Fantasy > High Fantasy

Ausgelesen: 03.07.2017

Bewertung: ★★★★☆

Ich habe mir in den Kopf gesetzt, hĂ€ufiger weibliche, erwachsene High Fantasy zu lesen. Mir ist aufgefallen, dass Frauen dieses Genres in meinem Regal völlig unterreprĂ€sentiert sind. GefĂŒhlt stammen alle großen HF-Romane von MĂ€nnern: „Der Herr der Ringe“, „A Song of Ice and Fire“, „Das Spiel der Götter“, „First Law“. Ich glaube, dass Autorinnen, die epische Fantasy schreiben, zu wenig Beachtung erhalten. Also habe ich mir vorgenommen, diesen Umstand zumindest fĂŒr mich selbst zu Ă€ndern und bewusst High Fantasy aus der Feder von Frauen zu lesen. Daher griff ich im Juli 2017 zu „The Hundred Thousand Kingdoms“ von N.K. Jemisin, der Auftakt der „Inheritance Trilogy“, der schon viel zu lange auf meinem SuB einstaubte.

Als Yeine Darr kurz nach dem rĂ€tselhaften Tod ihrer Mutter an den Hof ihres Großvaters Dekarta Arameri, Herrscher der Welt und GĂŒnstling des Lichtgottes Itempas, bestellt wird, vermutet sie bereits, dass an diesem Zwangsbesuch etwas faul ist. Niemals wĂŒrde ihr Großvater sie zu sich befehligen, um die Familienbande aufzufrischen. Sie behĂ€lt Recht. Der alte Gebieter will sie als potentielle Erbin einsetzen. Yeine ist schockiert, denn diese vermeintliche Ehre ist ein zweischneidiges Schwert. Als potentielle Erbin muss sie mit Verwandten, die sie nicht kennt und die ihr bezĂŒglich höfischer Sitten und Intrigen weit voraus sind, um den Thron rivalisieren. Widerwillig richtet sie sich in der Himmelsfestung Sky ein und schwört, das Beste aus ihrem neuen Status zu machen. Sie begibt sich auf eine gefĂ€hrliche Suche nach Antworten. Den Tod ihrer Mutter umgeben uralte, blutige Geheimnisse, die sie nur in Sky aufdecken kann, hier, in diesem Schloss im Himmel, in dem sich die Leben von Sterblichen und Göttern tĂ€glich berĂŒhren.

Als mir Yeine Darr, Protagonistin und Ich-ErzĂ€hlerin in „The Hundred Thousand Kingdoms“, zu Beginn des Trilogieauftakts vorgestellt und beschrieben wurde, war mein erster Gedanke, wie sympathisch ich es finde, dass Ă€ußerlich gewisse Parallelen zur Autorin N.K. Jemisin bestehen. Je mehr Zeit ich mit Yeine verbrachte, desto stĂ€rker wurde mein Eindruck, dass sich Jemisin auch charakterlich intensiv mit ihrer Heldin identifiziert. Ich könnte mich irren, doch es gefiel mir, das GefĂŒhl zu haben, eine Geschichte zu lesen, in der die Schriftstellerin die Hauptrolle spielt, vor allem, weil ich Yeine wirklich mochte. Die 19-JĂ€hrige bestach mich mit ihrer spröden, unverblĂŒmten und pragmatischen Persönlichkeit. Schade, dass sie hauptsĂ€chlich eine funktionelle Figur ist, die den Leser_innen als Anhalts- und Referenzpunkt dient, statt um ihrer selbst willen zur Geschichte beizutragen. Sie entwickelt sich im Laufe der Handlung kaum weiter, bleibt berechenbar und ist dadurch unglĂŒcklicherweise ein wenig langweilig. Sie ist ein SchlĂŒssel, wodurch ihre Aufgabe und Daseinsberechtigung begrenzt sind. Es geht in „The Hundred Thousand Kingdoms“ nur auf den ersten Blick um Yeine, trotz ihrer fesselnden Mission, die wahren UmstĂ€nde des mysteriösen Todes ihrer Mutter aufzudecken. Ihre Suche nach Antworten ist lediglich der oberflĂ€chliche Grund dafĂŒr, dass sie isoliert bleibt und niemals engeren Kontakt zu den Bewohner_innen von Sky sucht. In Wahrheit fĂŒhrt Yeine das Publikum an einen anderen Aspekt der Geschichte heran, weshalb Jemisin ihre Position als EinzelkĂ€mpferin um jeden Preis durchzusetzen versucht. Sie musste ihren Status als Vertraute der Götter untermauern. Yeine macht die Leser_innen mit den Göttern bekannt, die leibhaftig, versklavt und vom Lichtgott Itempas an menschliche HĂŒllen gekettet in Sky leben und dienen mĂŒssen. Ihr Leiden, ihre Interaktion mit dem faszinierenden, grausamen und ungerechten Universum, das Jemisin erschuf, ist der Kern von „The Hundred Thousand Kingdoms“. Was geschieht, wenn göttliche Omnipotenz in die makelbehafteten Körper von Menschen gezwĂ€ngt wird? Wie viel Schaden kann eine allmĂ€chtige Seele durch menschliche BeschrĂ€nkungen nehmen? Die Tiefe der göttlichen Figuren imponierte mir außerordentlich. Ihr jahrhundertealter Schmerz, ihre Trauer, die tĂ€gliche DemĂŒtigung ihrer Fesseln beschreibt Jemisin meisterhaft. Der bedeutendste unter ihnen ist Nahadoth, der Nachtlord und Bruder des Himmelsvaters Itempas. Er ist der Gott der VerĂ€nderung, des Chaos, der Dunkelheit und als selbiger die personifizierte Versuchung. Yeine kommt ihm gefĂ€hrlich nahe und lĂ€sst sich auf eine riskante Beziehung zu ihm ein, die sie beide in einen Abgrund reißen könnte und die auf sexuellem Verlangen basiert. Es ist bedauerlich, dass zwischen ihnen nie eine substanziellere Verbindung erblĂŒht, obwohl Nahadoth‘ komplexe, widersprĂŒchliche, verletzte Persönlichkeit das Potential dazu bietet. Seine Sehnsucht nach Freiheit formt Yeines Schicksal, das Jemisin am Ende einer Wendung unterwirft, die ich zwar anhand greller Hinweise vorausgesehen hatte, aber trotz dessen toll umgesetzt fand.

Meiner Meinung nach spĂŒrt man die weibliche Hand hinter „The Hundred Thousand Kingdoms“. Es ist ein verfĂŒhrerischer, lustvoller Trilogieauftakt, der in meinem Kopf das Bild einer Rosenranke entstehen ließ, die sich langsam und unbemerkt um die Kehle eines armen Opfers legt. StĂŒck fĂŒr StĂŒck zieht sich die Schlinge zu, drĂŒckt die Luft ab, wĂ€hrend die Sinne des bedauernswerten Opfers von exotischen DĂŒften berauscht sind. Besser kann ich euch die AtmosphĂ€re dieses Buches nicht beschreiben. Es spricht eindeutig fĂŒr N.K. Jemisins Schreibstil, dass ihre Geschichte eine so klare Assoziation inspirierte. Außerdem schĂ€tze ich die philosophische Ebene dieses ersten Bandes, die stark von einer aufregenden Mischung hinduistischer, christlicher und antiker Motive geprĂ€gt ist. Dadurch ergeben sich aufreizend viele Möglichkeiten fĂŒr die FolgebĂ€nde, die ich selbstverstĂ€ndlich sofort auf meine Wunschliste gesetzt habe. N.K. Jemisin macht den Frauen der High Fantasy alle Ehre. Weiter so, Schwester!

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