N. K. Jemisin – The Hundred Thousand Kingdoms
Ich habe mir in den Kopf gesetzt, hĂ€ufiger weibliche, erwachsene High Fantasy zu lesen. Mir ist aufgefallen, dass Frauen dieses Genres in meinem Regal völlig unterreprĂ€sentiert sind. GefĂŒhlt stammen alle groĂen HF-Romane von MĂ€nnern: âDer Herr der Ringeâ, âA Song of Ice and Fireâ, âDas Spiel der Götterâ, âFirst Lawâ. Ich glaube, dass Autorinnen, die epische Fantasy schreiben, zu wenig Beachtung erhalten. Also habe ich mir vorgenommen, diesen Umstand zumindest fĂŒr mich selbst zu Ă€ndern und bewusst High Fantasy aus der Feder von Frauen zu lesen. Daher griff ich im Juli 2017 zu âThe Hundred Thousand Kingdomsâ von N.K. Jemisin, der Auftakt der âInheritance Trilogyâ, der schon viel zu lange auf meinem SuB einstaubte.
Als Yeine Darr kurz nach dem rĂ€tselhaften Tod ihrer Mutter an den Hof ihres GroĂvaters Dekarta Arameri, Herrscher der Welt und GĂŒnstling des Lichtgottes Itempas, bestellt wird, vermutet sie bereits, dass an diesem Zwangsbesuch etwas faul ist. Niemals wĂŒrde ihr GroĂvater sie zu sich befehligen, um die Familienbande aufzufrischen. Sie behĂ€lt Recht. Der alte Gebieter will sie als potentielle Erbin einsetzen. Yeine ist schockiert, denn diese vermeintliche Ehre ist ein zweischneidiges Schwert. Als potentielle Erbin muss sie mit Verwandten, die sie nicht kennt und die ihr bezĂŒglich höfischer Sitten und Intrigen weit voraus sind, um den Thron rivalisieren. Widerwillig richtet sie sich in der Himmelsfestung Sky ein und schwört, das Beste aus ihrem neuen Status zu machen. Sie begibt sich auf eine gefĂ€hrliche Suche nach Antworten. Den Tod ihrer Mutter umgeben uralte, blutige Geheimnisse, die sie nur in Sky aufdecken kann, hier, in diesem Schloss im Himmel, in dem sich die Leben von Sterblichen und Göttern tĂ€glich berĂŒhren.
Als mir Yeine Darr, Protagonistin und Ich-ErzĂ€hlerin in âThe Hundred Thousand Kingdomsâ, zu Beginn des Trilogieauftakts vorgestellt und beschrieben wurde, war mein erster Gedanke, wie sympathisch ich es finde, dass Ă€uĂerlich gewisse Parallelen zur Autorin N.K. Jemisin bestehen. Je mehr Zeit ich mit Yeine verbrachte, desto stĂ€rker wurde mein Eindruck, dass sich Jemisin auch charakterlich intensiv mit ihrer Heldin identifiziert. Ich könnte mich irren, doch es gefiel mir, das GefĂŒhl zu haben, eine Geschichte zu lesen, in der die Schriftstellerin die Hauptrolle spielt, vor allem, weil ich Yeine wirklich mochte. Die 19-JĂ€hrige bestach mich mit ihrer spröden, unverblĂŒmten und pragmatischen Persönlichkeit. Schade, dass sie hauptsĂ€chlich eine funktionelle Figur ist, die den Leser_innen als Anhalts- und Referenzpunkt dient, statt um ihrer selbst willen zur Geschichte beizutragen. Sie entwickelt sich im Laufe der Handlung kaum weiter, bleibt berechenbar und ist dadurch unglĂŒcklicherweise ein wenig langweilig. Sie ist ein SchlĂŒssel, wodurch ihre Aufgabe und Daseinsberechtigung begrenzt sind. Es geht in âThe Hundred Thousand Kingdomsâ nur auf den ersten Blick um Yeine, trotz ihrer fesselnden Mission, die wahren UmstĂ€nde des mysteriösen Todes ihrer Mutter aufzudecken. Ihre Suche nach Antworten ist lediglich der oberflĂ€chliche Grund dafĂŒr, dass sie isoliert bleibt und niemals engeren Kontakt zu den Bewohner_innen von Sky sucht. In Wahrheit fĂŒhrt Yeine das Publikum an einen anderen Aspekt der Geschichte heran, weshalb Jemisin ihre Position als EinzelkĂ€mpferin um jeden Preis durchzusetzen versucht. Sie musste ihren Status als Vertraute der Götter untermauern. Yeine macht die Leser_innen mit den Göttern bekannt, die leibhaftig, versklavt und vom Lichtgott Itempas an menschliche HĂŒllen gekettet in Sky leben und dienen mĂŒssen. Ihr Leiden, ihre Interaktion mit dem faszinierenden, grausamen und ungerechten Universum, das Jemisin erschuf, ist der Kern von âThe Hundred Thousand Kingdomsâ. Was geschieht, wenn göttliche Omnipotenz in die makelbehafteten Körper von Menschen gezwĂ€ngt wird? Wie viel Schaden kann eine allmĂ€chtige Seele durch menschliche BeschrĂ€nkungen nehmen? Die Tiefe der göttlichen Figuren imponierte mir auĂerordentlich. Ihr jahrhundertealter Schmerz, ihre Trauer, die tĂ€gliche DemĂŒtigung ihrer Fesseln beschreibt Jemisin meisterhaft. Der bedeutendste unter ihnen ist Nahadoth, der Nachtlord und Bruder des Himmelsvaters Itempas. Er ist der Gott der VerĂ€nderung, des Chaos, der Dunkelheit und als selbiger die personifizierte Versuchung. Yeine kommt ihm gefĂ€hrlich nahe und lĂ€sst sich auf eine riskante Beziehung zu ihm ein, die sie beide in einen Abgrund reiĂen könnte und die auf sexuellem Verlangen basiert. Es ist bedauerlich, dass zwischen ihnen nie eine substanziellere Verbindung erblĂŒht, obwohl Nahadothâ komplexe, widersprĂŒchliche, verletzte Persönlichkeit das Potential dazu bietet. Seine Sehnsucht nach Freiheit formt Yeines Schicksal, das Jemisin am Ende einer Wendung unterwirft, die ich zwar anhand greller Hinweise vorausgesehen hatte, aber trotz dessen toll umgesetzt fand.
Meiner Meinung nach spĂŒrt man die weibliche Hand hinter âThe Hundred Thousand Kingdomsâ. Es ist ein verfĂŒhrerischer, lustvoller Trilogieauftakt, der in meinem Kopf das Bild einer Rosenranke entstehen lieĂ, die sich langsam und unbemerkt um die Kehle eines armen Opfers legt. StĂŒck fĂŒr StĂŒck zieht sich die Schlinge zu, drĂŒckt die Luft ab, wĂ€hrend die Sinne des bedauernswerten Opfers von exotischen DĂŒften berauscht sind. Besser kann ich euch die AtmosphĂ€re dieses Buches nicht beschreiben. Es spricht eindeutig fĂŒr N.K. Jemisins Schreibstil, dass ihre Geschichte eine so klare Assoziation inspirierte. AuĂerdem schĂ€tze ich die philosophische Ebene dieses ersten Bandes, die stark von einer aufregenden Mischung hinduistischer, christlicher und antiker Motive geprĂ€gt ist. Dadurch ergeben sich aufreizend viele Möglichkeiten fĂŒr die FolgebĂ€nde, die ich selbstverstĂ€ndlich sofort auf meine Wunschliste gesetzt habe. N.K. Jemisin macht den Frauen der High Fantasy alle Ehre. Weiter so, Schwester!

Huhu,
imteressanter Beitrag, vielen Dank! :)
Ich habe einige Freunde, die im Fantasybereich vermehrt unterwegs sind und da finden sich auch kaum weibliche Autoren. Teilweise wurden diese in der Vergangenheit gar verpönt.
Ich denke aber, dass sich hier in den letzten Jahren etwas getan hat und die QualitÀt gestiegen ist. Kannst du das so bestÀtigen?
LG Torsten
Hey Torsten,
es fĂ€llt mir schwer, dazu ein Urteil abzugeben, weil ich selbst nur wenig Erfahrung mit weiblichen High Fantasy Autorinnen habe. Meinem GefĂŒhl nach sind diese eher in der Young Adult – Sparte unterwegs. Da sind definitiv einige gute Werke dabei, aber eben auch – wie immer – jede Menge klischeebeladener Mist.
Viele liebe GrĂŒĂe,
Elli
Hey Elli,
„klischeebeladen“ passt wie die Faust aufs Auge, wollte nur nicht zuerst die (klemmende) Genderschublade aufmachen….:D
Dann bin ich mal gespannt auf die Erfahrungen, die du noch machen wirst…;)
LG Torsten
Wie immer ein super Beitrag! Ich tue mich noch etwas schwer mit HF aber lasse mich da gerne von dir zu neuen BĂŒchern inspirieren!
Als Einstieg wĂŒrde ich immer die Young Adult – Abteilung empfehlen, weil es auf diese Weise leichter ist, an epische Welten heranzutreten. đ
Viele liebe GrĂŒĂe,
Elli
Hallo Elli,
das ist ja witzig, dass du heute diese Rezi veröffentlichst. Ich wollte nÀmlich in den kommenden Tagen auch eine Rezension zu diesem, leider eher unbekannten Buch, schreiben.
Ich gebe dir vollkommen recht, dass Frauen in der High Fantasy leider unterreprÀsentiert sind. Mir fallen da schon ein paar Namen ein, aber MÀnner dominieren das Genre ziemlich. Ich denke aber das ist dabei sich zu Àndern.
LG
Elisa
Hey Elisa,
ich will es doch schwer hoffen! đ
Dann werde ich in den nĂ€chsten Tagen mal bei dir vorbeischauen, ich bin neugierig, wie du das Buch empfandest. đ
Viele liebe GrĂŒĂe,
Elli
So hier ist meine Rezi: https://reisenderbuecherwurm.com/2017/08/08/rezension-die-erbin-der-welt-von-n-k-jemisin/
Ist meine erste ĂŒberhaupt :D
LG
Elisa
Danke fĂŒr die tolle Anregung â ich werde âDie Erbin der Weltâ (so der deutsche Titel) sicher bald von meinem SuB befreien. Du hast mich echt neugierig gemacht.
Hallo Elli,
klingt wieder sehr interessant :) Autorinnen sind in der Erwachsenen High-Fantasy leider wirklich unterreprÀsentiiert. Meist findet man sie unter Pseudonymen (siehe Robin Hobb). Weil leider scheinbar immernoch das Klischee gilt das Frauen keine gute erwachsene High-Fantasy schreiben können und doch besser Liebesgeschichten schreiben. Deshalb sind wohl die Chancen auch höher, das ein Young Adult High-Fantasy Roman einer Autorin verlegt wird. So zumindest das was ich bei den Diskussionen so mitbekomme.
LG