Cover des Buches "Ruin and Rising" von Leigh Bardugo

Reihe: The Grisha Trilogy #3

Autor_in: Leigh Bardugo

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 417 Seiten

Verlag: Square Fish

Sprache: Englisch

ISBN-10: 1250063167

Genre: Fantasy > High Fantasy > Young Adult

Ausgelesen: 22.10.2020

Bewertung: ★★★☆☆

Viele von euch wissen sicherlich längst, dass die „Grisha Trilogy“ von Leigh Bardugo als Netflix-Serie „Shadow and Bone“ adaptiert wurde. Aktuell existiert eine Staffel; im Juni 2021 wurde die Beauftragung einer zweiten Staffel bestätigt, die voraussichtlich im Frühjahr 2023 erscheinen wird.

Ich hatte eigentlich vor, nach der Lektüre des Trilogiefinales „Ruin and Rising“ in die Serie reinzuschauen, weil mich interessiert, wie die Geschichte visuell umgesetzt wurde. Leider verschiebt sich dieses Vorhaben jedoch, denn die Adaption kombiniert die „Grisha Trilogy“ mit der nachfolgenden Dilogie „Six of Crows“. Mit dem Gedanken, „Six of Crows“ ebenfalls zu lesen, hatte ich durch „Ruin and Rising“ ohnehin gespielt – nun ist es beschlossene Sache.

Seit Monaten hat Alina Starkov die Sonne nicht gesehen. Nachdem sie im Kampf gegen den Dunklen beinahe gestorben wäre, wurde sie tief unter die Erde gebracht. Der Priester eines neuen Glaubens rettete ihr Leben – eines Glaubens, der die Sonnenbeschwörerin als Heilige verehrt. Dabei bleibt Alina kaum mehr als ein Schatten ihrer früheren Macht. Sie ist schwach, gebrochen. An der Oberfläche könnte sie ihre Kräfte wiedererlangen, aber der Priester erlaubt es nicht. Angeblich ist das Risiko für Alina und die wenigen verbleibenden Grischa zu groß, nun, da der Dunkle Ravkas Thron eingenommen hat. In Wahrheit hält er sie in seiner Weißen Kathedrale gefangen.

Alina muss einen Weg finden, ihm zu entkommen. Will sie Ravka von der Düsternis des Dunklen befreien, muss sie den letzten von Morozovas Verstärkern finden. All ihre Hoffnungen ruhen auf dem Feuervogel – und Nikolai als rechtmäßigem Thronerben. Doch der Dunkle wird der Vereitelung seiner Pläne nicht tatenlos zusehen. Die letzte Schlacht steht kurz bevor. Dort, wo alles begann, wird sich Ravkas Schicksal entscheiden.

„Ruin and Rising“ ist ein passender Abschluss der „Grisha Trilogy“. Es ist ein Finale, das die Geschichte angemessen abschließt. Und doch war ich nicht ausnahmslos glücklich damit. Wir steigen etwa zwei Monate nach dem zweiten Band „Siege and Storm“ in die Handlung ein und begegnen Alina in der Weißen Kathedrale tief in den Eingeweiden Ravkas wieder. Offiziell sind sie und ihre Grischa Gäste des Priesters, der den Kult der Sonnenbeschwörerin anführt, aus Alinas Ich-Perspektive demonstriert Leigh Bardugo jedoch unmissverständlich, dass sie in Wahrheit Gefangene sind.

Die Interaktionen zwischen Alina und dem Priester schürten früh meine Hoffnungen für ihre charakterliche Entwicklung. Nachdem sie in „Siege and Storm“ aufgrund der Umstände, die Bardugo inszenierte, keine gute Figur machen konnte, zeigt sie in „Ruin and Rising“ schon auf den ersten Seiten das kantige Selbstbewusstsein, das ich zu Beginn der Trilogie so an ihr schätzte. Dieser Eindruck bestätigte sich im weiteren Verlauf der Geschichte. Erfreulicherweise wirkt sie nicht länger eingeschüchtert, schwach und passiv, sondern entschlossen und energisch.

Es war auffällig, dass ihre Pläne zur Rettung Ravkas selten von ihr persönlich stammen, daran störte ich mich jedoch nicht, denn ich habe nie von ihr erwartet, alle Probleme allein zu lösen. Stattdessen gönnte ich ihr, dass sie Verbündete hat, auf die sie sich verlassen kann und die ihr helfen, ihre bedeutende Rolle zu erfüllen. Für mich war es viel wichtiger, dass sie in „Ruin and Rising“ ihre Grenzen akzeptiert und innerhalb dieser agiert, ohne sich unter Wert zu verkaufen.

Dennoch hadert sie natürlich mit ihrem Schicksal und sehnt sich nach der Zeit zurück, in der sie eine einfache Kartografin war. Ich fand ihre Emotionen nachvollziehbar und realistisch, muss allerdings gestehen, dass Bardugo sich meiner Meinung nach zu sehr auf Alinas Gefühlswelt fokussierte. Ich hatte das Gefühl, überwiegend in ihrem Kopf eingesperrt zu sein und ihren Gedankenkreisen lauschen zu müssen.

Die physischen Ereignisse nahmen weniger Raum ein; actionreiche Szenen sind vergleichsweise kurz und äußern sich meist in explosiven Momentaufnahmen, die sehr schnell wieder vorbei sind. Der finale Showdown umfasst zum Beispiel nur 20 von insgesamt über 400 Seiten. Es dauert hingegen ewig, bis sich Alina und ihre Freunde endlich auf die Suche nach dem Feuervogel begeben. Durch diese Unausgeglichenheit langweilte ich mich hin und wieder. Ich war ungeduldig, wollte vorwärtskommen und herausfinden, wie Bardugo die „Grisha Trilogy“ in „Ruin and Rising“ auflöst.

Obwohl die Autorin einige spannende Überraschungen einbaute, konnten diese Aha-Momente meine Aufmerksamkeit nicht dauerhaft fesseln und entschädigten mich auch nicht dafür, dass das grundsätzlich solide Wordlbuilding eine gravierende Lücke aufweist: Ich weiß noch immer nicht, wieso Ravka seit Jahrhunderten Krieg gegen die angrenzenden Nationen führt, wie dieser finanziert wird oder wie Ravka sich selbst versorgt, während der Großteil der Bevölkerung zum Wehrdienst abbestellt ist. Von einer Schriftstellerin, die schlecht beschriebene Wirtschaftssysteme in der High Fantasy beklagt, erwarte ich mehr.

Trotzdem war ich fähig, „Ruin and Rising“ mit einem guten Gefühl abzuschließen, da das Ende eine äußerst elegante Lösung darstellt, die zugegebenermaßen ziemlich romantisch ist. Es waren nicht die letzten Seiten, die meinen Eindruck des Finales überschatteten – es waren viele davor.

Ich empfinde Leigh Bardugo nicht als die neue Offenbarung der High Fantasy. Ich weiß, dass sie von vielen Leser_innen enorm gefeiert wird, meiner Meinung nach konzentriert sich „Ruin and Rising“ – wie die gesamte „Grisha Trilogy“ – jedoch zu stark auf den Young Adult – Aspekt der Geschichte, um mich als alte HF-Veteranin uneingeschränkt zu überzeugen. Ich honoriere Bardugos Potenzial und die vielen Unklarheiten bezüglich der magischen Kräfte der Grischa tragen dazu bei, dass ich „Six of Crows“ eine Chance geben werde. Doch ich glaube nicht, dass sie sich je mit Größen wie Trudi Canavan oder N. K. Jemisin messen kann.

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