Cover des Buches "The Bitter Twins" von Jen Williams

Titel: „The Bitter Twins“

Reihe: The Winnowing Flame Trilogy #2

Autor_in: Jen Williams

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 612 Seiten

Verlag: Headline

Sprache: Englisch

ISBN-10: 1472235215

Genre: Fantasy > High Fantasy

Ausgelesen: 08.11.2020

Bewertung: ★★★★★

Es war keine bewusste Entscheidung seitens Jen Williams, die „The Winnowing Flame Trilogy“ als Mischung aus High Fantasy und Science-Fiction zu konzipieren. Der erste Band „The Ninth Rain“ entstand unter drei primären Einflüssen: Der Anime „Prinzessin Mononoke“, die Romane von Robin Hobb und das Videospiel „Mass Effect 2“. In ihrer Geschichte sollten bizarre Wälder, Naturgeister sowie gigantische Wracks von Raumschiffen auftauchen.

Als sie diese Elemente kombinierte und überlegte, wem sie die Rolle der Bösewichte geben wollte, stellte sie fest, dass diese nicht vom selben Planeten stammen. Ihr gefiel die Idee, klassische HF-Held_innen gegen eine Version der unheimlichen Borg aus Star Trek antreten zu lassen. Das Ergebnis sind die Jure’lia, die wir im zweiten Band „The Bitter Twins“ besser kennenlernen.

Ygseril schenkte seinen Kindern ein letztes Wunder. Nachdem die Königin der Jure’lia befreit wurde, initialisierte Eboras Baumgott den Neunten Regen. An seinen Ästen sprossen Kapseln. Das erste Mal seit Jahrhunderten erlebte sein sterbendes Volk die Geburt neuer Kriegsbestien. Doch Ygersil war schwach. Die Erinnerungen der Kriegsbestien sind verloren. Ohne das Wissen ihrer vergangenen Leben sind sie lediglich ein Schatten der mächtigen Verbündeten von einst.

Tor, Noon, Vintage und ihre Freunde haben keine Zeit, sie auf den kommenden Krieg vorzubereiten. Denn Lady Hestillions Verrat wiegt schwer. Sie schloss sich den Jure’lia an und nahm eine der Kapseln mit sich. Nie zuvor wurde eine Kriegsbestie mithilfe ihres Gifts aufgezogen. Die furchteinflößende Perversion, die sich den Verteidiger_innen entgegenstellt, besiegelt ihren Beschluss: Sie müssen die Erinnerungen der Kriegsbestien zurückgewinnen. Vor langer Zeit überquerte eine Expedition den Ozean, um das Geheimnis von Ygersils Herkunft zu lüften. Könnte ihr ungewisses Schicksal Eboras und Sarns einzige Hoffnung sein?

„The Bitter Twins“ ist ein Hochgenuss. Ich habe nach der Lektüre des ersten Bandes „The Ninth Rain“ kaum zu hoffen gewagt, dass Jen Williams in der Fortsetzung noch eine Schippe drauflegt, aber genau das gelingt ihr. Der zweite Band ist genauso sensationell kreativ, originell, frisch und unverbraucht wie der Auftakt der „The Winnowing Flame Trilogy“ – doch nun fällt der etwas schwerfällige Prozess des initialen Worldbuildings weg. Stattdessen beginnt Williams, Spaß mit ihrer Schöpfung zu haben und uns tieferliegende Strukturen zu zeigen.

Dadurch ist „The Bitter Twins“ vollkommen unberechenbar und permanent überraschend. Jen Williams reproduziert so gut wie keine bekannten Muster. Ich lag mit meinen Mutmaßungen zum Verlauf der Handlung und ihren Hintergründen meist meilenweit daneben – und ich feierte es. Sie verstrickt ihre charmanten, äußerst lebendigen Figuren in komplexe, realistische Beziehungen, die den Spannungsbogen abseits der Ereignisebene permanent auf einem hohen Level halten. Jede dieser Beziehungen spiegelt sie außerdem, wodurch sie ihre individuelle Einzigartigkeit elegant und subtil betont.

Faszinierend war für mich vor allem der Vergleich der Verbindung zwischen den Kriegsbestien mit ihren Reiter_innen und der inhärenten Verbindung der Jure’lia. Indem Jen Williams die Perspektive von Lady Hestillion konsequent weiterverfolgt, gestattet sie ihren Leser_innen in „The Bitter Twins“ detaillierte Einblicke in Identität und Kultur des Wurmvolks. Ich entwickelte trotz ihrer bizarren Fremdartigkeit ein solides Verständnis dafür, wer und was sie sind, wie sie sich selbst sowie ihre Mission definieren und wie ihre Schwarmintelligenz funktioniert, in deren Zentrum die Königin steht.

Obwohl die Jure’lia Sarn Furchtbares antaten und weiterhin antun, nahm ich sie nicht als „böse“ wahr. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass sie lediglich ihrer Natur folgen, wodurch sie meinem Empfinden nach noch gruseliger sind. In den Gesprächen zwischen Hestillion und der Königin wurde deutlich, wie konsterniert und irritiert die Königin als Hirn und Herz ihres Volkes darüber ist, dass ihre normale Vorgehensweise in Sarn und Ebora nicht zum Erfolg führte.

Sie hegen keinen Groll, die Bevölkerung ist für sie lediglich ein Hindernis, das es zu überwinden gilt. Sie haben überhaupt kein Interesse an Menschen und Eborianer_innen, sie sind ihnen gleichgültig. Für sie zählen allein die Ressourcen des Planeten.

Ich muss zugeben, dass ich sowohl in „The Ninth Rain“ als auch in „The Bitter Twins“ Schwierigkeiten mit der Visualisierung des geografischen Worldbuildings hatte. Ich kann nicht verlässlich einschätzen, ob Sarn und Ebora Länder auf einem unbekannten Kontinent dieses Planeten sind, oder ob Sarn ein Kontinent ist, auf dem sich das Land Ebora befindet. Eine Karte wäre sehr hilfreich gewesen. Im Endeffekt störte mich diese kleine Hürde bei der Lektüre jedoch nicht wirklich. „The Bitter Twins“ bescherte mir dennoch fantastische Lesestunden.

Jen Williams bringt das Beste aus High Fantasy und Science-Fiction zusammen. Mit „The Bitter Twins“ präsentiert sie eine mühelose Steigerung der „The Winnowing Flame Trilogy“, weil sie die Fantasy völlig neu denkt und sich nicht auf bekannten Strukturen ausruht. Sie erinnert mich daran, warum ich das Genre liebe und demonstriert, wie weit es sich seit Robert E. Howard und Tolkien entwickelte.

So ist „The Bitter Twins“ beiläufig inklusiv und zeigt Vielfalt abseits heteronormativer Standards ganz selbstverständlich, ohne eine der Figuren vorzuführen. Diese Form der Repräsentation ist für mich einer der wichtigsten Faktoren, wenn ich darüber nachdenke, wie ich mir Fortschritt im Rahmen der High Fantasy wünsche.

Es freut mich enorm, dass Jen Williams das offenbar genauso sieht und beweist, dass spannende Geschichten nicht von eingestaubten gesellschaftlichen Vorstellungen abhängen. Was zählt, sind originelle Ideen sowie der Mut, sie konsequent durchzuziehen – beides bietet „The Winnowing Flame“ zuhauf.

Zum Abschluss noch eine komplett subjektive und unwichtige Wortmeldung: Leute, das Cover. Die Cover der Trilogie sind alle schön, aber „The Bitter Twins“ sticht wirklich heraus. Ein echtes Schmuckstück.

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