Cover des Buches "Schattenklingen" von Joe Abercrombie

Titel: „Schattenklingen“

Reihe: First Law Universum #7

Autor_in: Joe Abercrombie

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 419 Seiten

Verlag: Heyne

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3453318064

Genre: Fantasy > High Fantasy

Ausgelesen: 18.11.2020

Bewertung: ★★★★☆

2015 habe ich hier in Berlin eine Lesung von Joe Abercrombie besucht. Die Lesung wurde von dem auf Fantasy und Science-Fiction spezialisierten Buchladen Otherland organsiert. Das Team des Otherlands hatte bereits drei Jahre versucht, den Autor zu einer Veranstaltung zu überreden – immer ohne Erfolg. 2015 klappte es endlich, weil er ohnehin in Deutschland war, um einer Preisverleihung beizuwohnen. Er wurde damals für seine „First Law“-Trilogie ausgezeichnet.

In der Lesung ging es allerdings nicht um „The First Law“, sondern um seine „Shattered Sea“-Trilogie. Das Finale „Königskrone“ war 2015 auf dem englischsprachigen Markt erschienen; in Deutschland brauchte man wie üblich etwas länger. Deshalb stellte Abercrombie bei dieser Veranstaltung den ersten Band „Königsschwur“ vor.

Anschließend nahm er sich Zeit für eine ausgedehnte Frage-Antwort-Runde mit dem Publikum. Wie nicht anders zu erwarten, waren die anwesenden Fans – mich eingeschlossen – vor allem neugierig, ob er in das „First Law“-Universum zurückkehren würde. Er verriet, dass er 2016 eine „First Law“-Kurzgeschichtensammlung herausbringen wollte.

Er hielt Wort. Im April 2016 erschien „Sharp Ends“, eine Anthologie mit 13 Kurzgeschichten rund um die bekannten Figuren seiner „First Law“-Romane. Auf dem deutschen Markt wurde die Sammlung unter dem Titel „Schattenklingen“ (Lieber Heyne-Verlag, was soll dieser Quatsch mit den „Klingen“-Titeln? Könnt ihr das bitte lassen und bessere Titelübersetzungen finden? Danke.) im Januar 2017.

Meiner Erinnerung nach war die „First Law“-Trilogie einer meiner ersten Berührungspunkte mit moderner High Fantasy. Den ersten Band „Kriegsklingen“ (Heyne. Wirklich. Neue Titel bitte.) habe ich gelesen, als ich gerade anfing, meine eigene Bibliothek aufzubauen und herauszufinden, was mir literarisch eigentlich gefällt. Zuvor war meine Lektüreauswahl stark von äußeren Einflüssen (wie meinen Eltern) gefärbt – damals fing ich an, mich als Leserin zu emanzipieren.

Das klingt alles ein wenig pathetisch, tatsächlich war es allerdings ein wichtiger Schritt, meine Liebe zum geschriebenen Wort noch einmal völlig neu und unabhängig zu entdecken. Daher ist kaum mit Gold aufzuwiegen, wie prägend diese Lektüre von „Kriegsklingen“ für mich war. Meine heutige Euphorie und Leidenschaft für High Fantasy sind ganz klar auf diese positive Erfahrung zurückzuführen.

Dadurch war es quasi vorgezeichnet, dass ich auch alle anderen „First Law“-Romane verschlingen würde. Erst die gesamte Trilogie, danach die drei Einzelbände „Racheklingen“, „Heldenklingen“ und „Blutklingen“ (Nur weil man in der deutschen Sprache dank Komposita und Substantivierung unendlich viele neue Wörter bilden kann, heißt das nicht, dass man das auch tun sollte, lieber Heyne-Verlag). Sie gefielen mir nicht alle gleichermaßen, aber meine generelle Begeisterung für Joe Abercrombie blieb bestehen.

Ich freute mich wahnsinnig auf „Schattenklingen“. Obwohl ich Kurzgeschichten damals noch nicht viel abgewinnen konnte (meine Erleuchtung durch Robert E. Howard und Conan geschah deutlich später), wollte ich die Anthologie unbedingt lesen. Ich hatte allerdings das Gefühl, zuerst die „Shattered Sea“-Trilogie lesen zu müssen, um die Chronologie von Abercrombies Werk einzuhalten. Deshalb vergingen zwischen Erscheinen des Buches und meiner Lektüre mehr als drei Jahre.

Durch „Shattered Sea“ potenzierte sich meine Vorfreude. Ich fand die Trilogie längst nicht so gut wie „The First Law“ und war nun extrem aufgeregt, all meine alten Freunde – besonders Sand dan Glokta und Logen Neunfinger – wiederzutreffen. Heute wollen wir beurteilen, ob meine Erwartungen erfüllt wurden.

Wie erwähnt enthält „Schattenklingen“ 13 Geschichten. Weder kann noch möchte ich sie in dieser Rezension alle einzeln und ausführlich besprechen. Ich glaube nicht, dass euch diese Vorgehensweise einen Mehrwert bieten würde. Vielmehr möchte ich euch heute einen Überblick über die Anthologie als Gesamtwerk verschaffen und die alles entscheidende Frage adressieren: Lohnt sich die Lektüre von „Schattenklingen“?

„Schattenklingen“: Ein großer Spaß für Abercrombie-Fans

Als Abercrombie- und „First Law“-Fan kann ich diese Frage ganz klar mit „Ja“ beantworten. Ich denke, für all seine Fans ist „Schattenklingen“ ein großer Spaß. Für Quereinsteiger_innen hingegen – eher nicht. Das liegt daran, dass es sich bei den Geschichten streng genommen nicht um „echte“ Kurzgeschichten handelt, jedenfalls nicht so, wie Robert E. Howard es mich lehrte.

Die 13 Kurzgeschichten funktionieren durchaus jeweils für sich allein. Sie sind nicht miteinander verwoben. Trotzdem erzählt keine eine eigenständige, vollwertige oder in sich abgeschlossene Handlung. Sie alle bauen ausdrücklich auf den originalen Romanen der „First Law“-Reihe auf. Ohne Kenntnis der sechs vollwertigen Bände kann die Lektüre nur bedingt glücken.

Meiner Meinung nach präsentiert Joe Abercrombie in dieser Anthologie primär Szenen, die es aus verschiedenen Gründen nicht in die Originalreihe geschafft haben. Manchmal schildert er die Vorgeschichte einer Figur, die später wichtig wird; manchmal zeigt er bedeutende Figuren aus den Blickwinkeln von Statist_innen; manchmal offenbart er Schlüsselmomente, auf die in der Hauptreihe vage Bezug genommen wird.

Zum Beispiel beschreibt gleich die erste Geschichte „Ein bewundernswerter Dreckssack“ die Vergangenheit von Sand Dan Glokta, bevor er zum berühmt-berüchtigten und allseits beliebten Inquisitor Glokta wurde. Wir erleben eine Szene, die zeitlich nur Minuten vor dem Angriff der Ghurkisen liegt, durch den er in Kriegsgefangenschaft geriet, verkrüppelt und zu dem Mann wurde, den wir aus der Trilogie kennen.

Wenn man nicht weiß, wie sich Gloktas weiteres Schicksal entfaltet, bleibt die immense Bedeutung dieser Szene wahrscheinlich ein Rätsel. Möglicherweise wird sie sogar als belanglos abgetan – was sie definitiv nicht ist. Sie zeigt einen Wendepunkt im Leben des – zu diesem Zeitpunkt künftigen – Inquisitors, ohne den die „First Law“-Trilogie nicht möglich gewesen wäre.

Dank diesem Beispiel könnt ihr erahnen, warum die Lektüre von „Schattenklingen“ für mich eine Bereicherung war: Ich habe Details über geliebte Figuren erfahren, die ich entweder bereits wusste, aber nicht selbst miterleben durfte oder niemals vermutet hätte.

Doch ich habe auch Einblicke in die Außenwirkung meiner Freunde erhalten, die mir bisher verschlossen waren. Mir war beispielsweise bewusst, dass der Name „Blutiger Neuner“ nicht grundlos Angst und Schrecken verbreitet, aber ich wusste nicht, wie … Ja, wie völlig außer Kontrolle Logen Neunfinger in den Jahren vor der „First Law“-Trilogie war.

Erst durch die Kurzgeschichte „Erschuf ein Ungeheuer“ habe ich gelernt, wie beängstigend er damals war, wie weit entfernt von geistiger Gesundheit. Er war ein tollwütiger Hund, der selbst seine besten Freunde das Fürchten lehrte.

Ich bin überzeugt, dass „Schattenklingen“ explizit für Leser_innen wie mich gedacht ist: Leser_innen, die „The First Law“ bereits gelesen haben und sich nach weiteren Abenteuern mit den Figuren sehnen. Klingt das nach euch, kann die Anthologie auch für euch ein Genuss sein. Ich möchte euch allerdings davor warnen, dass die Lektüre der Originalreihe nicht allzu weit zurückliegen sollte.

Für mich war der zeitliche Abstand unbestreitbar zu lang. An vieles konnte ich mich nicht mehr zuverlässig erinnern und hatte nur noch schemenhafte Vorstellungen der Charaktere. Das hatte zwar ebenfalls seinen Reiz, weil es spannend war, zu beobachten, wann es in meinem Gedächtnis klickte und ich plötzlich wieder wusste, woher ich diese oder jene Persönlichkeit kenne.

Aber die Grübelei war anstrengend, wie ein loser Zahn, an dem man permanent herumspielt, und ich bin mir sicher, dass ich den Geschichten dadurch nicht immer meine volle Aufmerksamkeit schenken konnte. Euch möchte ich deshalb raten, einen Reread von „The First Law“ im Voraus in Betracht zu ziehen.

Insgesamt war „Schattenklingen“ für mich eine sehr schöne Leseerfahrung, besonders angesichts meiner Erlebnisse mit „Shattered Sea“. Nach dieser schwächeren Trilogie war es großartig, wieder den Joe Abercrombie zu erleben, den ich kenne und liebe. Das „First Law“-Universum ist seine literarische Heimat – inklusive all dem Schmutz, dem Blut und den unanständigen Witzen, die mich einst von ihm überzeugten.

Mit den 13 Kurzgeschichten beweist er, dass er seinen Biss längst nicht verloren hat und noch immer ein Grimdark-Superstar ist, der wirklich weiß, worauf es ankommt und wie er seinen Fans eine Freude machen kann. Außerdem schürt die Anthologie zweifellos den Appetit auf seine neue Trilogie „The Age of Madness“, die abermals in diesem Universum spielt. Ich kann die Lektüre jedenfalls kaum abwarten und werde schon ganz kribbelig, wenn ich daran denke.

Wenn ihr euch ebenfalls daran erinnern möchtet, warum euch Joe Abercrombie und die „First Law“-Romane begeistert haben, wenn ihr alte Freunde noch einmal wiedersehen möchtet, bevor ihr mit „The Age of Madness“ ein neues Kapitel aufschlagt, ist „Schattenklingen“ genau das Richtige für euch. Macht euch bereit für Blut, Schweiß und Dreck – und jede Menge Lesespaß!

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